Montag, 18 April 2011 12:21

Blutige Sensationslust

von unserem Redakteur Steffen Engelbrecht (22.03.2009)

„Um ca. 9: 45 Uhr kam ein Polizist in unseren Raum gestürmt mit einer Mp5 im Anschlag und fragte, ob hier noch jemand sei, ob alles OK ist und dass wir hier drin bleiben sollen. Ein Kumpel aus meiner Parallelklasse rief mich auf meinem Handy an und sagt, dass ein Amoklauf sei. Wir dachten es sei ein Scherz und spazierten aus dem Schulhaus“, erzählt Kevin B.

 Die Website der BILD - Der Amoklauf in seinen blutigsten Fassetten

In den Minuten, in denen 16 Menschen starben, war die Tat so unfassbar, wie über eine Woche später. Am Mittwoch letzter Woche verübte der 17-Jährige Tim K. einen Amoklauf an der Albertville-Realschule in Winnenden. Die Nachricht ist ein Schock für die gesamte Bundesrepublik, aber auch ein gefundenes Fressen für die Klatschpresse, die nicht selten unverschämt und pietätlos versucht, an neue Informationen zu gelangen und dabei nur selten Rücksicht auf die Opfer nimmt.

Die Welt ist überflutet mit Informationen, die irgendwie im Internet herum schwirren. Googelt man den Namen Tim Kretschmer, bekommt man in 0,06 Sekunden über 807.000 Ergebnisse. Doch ob hinter diesen Ergebnissen Fakten stehen oder sich ganz andere Personen befinden, ist häufig nicht klar. So behaupteten Quellen im Internet nach kürzester Zeit: Der Amokläufer hat seine Tat im Internet angekündigt, war lange Zeit in psychiatrischer Behandlung. Beide Aussagen erwiesen sich als falsch. Kurze Zeit später kursierten auch schon die unterschiedlichsten Fotos des Täters in Netz. Unzählige Internetblogger verbreiteten die verrücktesten Neuigkeiten.

Diese Journalisten waren vielleicht unseriös, aber was sich direkt vor Ort abspielte, grenzte an Unverschämtheit. „Am Schwimmbad, wo wir uns versammeltet hatten, war die Presse so gegen halb elf", berichtet Kevin B., der sich zur Zeit des Amoklaufs nicht in dem betroffenen Teil der Schule befand. Das ist circa eine Stunde nach der Tat. „Sie haben die Schüler direkt befragt. Vor allem die Kleinen, die keine Ahnung hatten und nur Mist verzapft haben", erzählt er weiter. Darüber hinaus gab es mehrere Beschwerden über die Pressefotografen, die einfach über die Polizeiabsperrungen sprangen, um an die Schüler heran zu kommen. Doch das moralische Dilemma zog auch im Internet weitere Kreise:

In Communities wie SchülerVZ schlichen sich Journalisten als Schüler getarnt ein, um an weitere Informationen zu kommen. Teilweise mussten erste Gruppen deswegen auch zeitweise gesperrt werden. „Mir selber haben welche von Spiegel TV, Frank Elstner und Pro Sieben geschrieben", erzählt Kevin. „Davon halte ich gar nichts!"

 

 Trauer oder die Suche nach

hochbrisanten "Gründen" für die Tat?

 

Dieser Journalismus unterscheidet sich klar vom Qualitätsjournalismus. Doch bei dem Hunger vieler nach schneller und blutiger Information machen manche Journalisten die Kehrtwende zu Boulevard. So wurde der 21-Jährige Tim Kretschmer aus Bremen auch zum Amokläufer: „Ich bin ganz normal zur Arbeit gegangen und gegen 11 Uhr ungefähr kam eine Info aus der Verwaltung, dass diverse Nachrichtenportale und Agenturen bei uns angerufen haben, um Infos über mich zu bekommen, wie ich gelebt habe, oder so. Und ich wusste erst gar nicht wieso. Bis man mir mitteilte, dass ein Attentat geschehen ist und der Täter genauso hieß wie ich". Solche Peinlichkeiten müssen in Zukunft vermieden werden.

Trotzdem wird der 14-Jährige Tim auf der Internetseite der BILD zitiert, dass er nicht mehr in die Schule zurückkehren will und wie die Lehrerin am Hals getroffen wurde und sofort starb. Ist das Journalismus? Über solche Inhalte muss jeder selbst nachdenken und wissen, ob er ihnen ernsthaft vertrauen will, oder etwas länger wartet, bis nähere Informationen vorhanden sind und sich dann für bekannte seriöse Quellen entscheidet.

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