eine Kurzgeschichte
Es erinnerte sich noch genau an den ersten Tag in seinem Leben. Der weise Mönch, der es geschrieben hatte, besaß eine wunderschöne, geschwungene Schrift. Zwei Jahre wurde es mit einer großen Gänsefeder beschrieben, und diese zwei Jahre verbrachte es in einem Kloster zusammen mit dem Mönch. Das Kloster lag, soweit das Buch es wusste, an einem verschneiten Berghang hoch über den Wolken. Nachts lag es immer im Schreibraum des Klosters und lauschte dem Beten der Mönche.
Eines Tages kam eine große Ansammlung an Menschen in das Kloster, unter ihnen war ein pompöser König, welcher unten im Tal seine Ländereien besaß und die Mönche bat, ihm ein paar Bücher zu verkaufen, die er für seine eigene Bibliothek mitnehmen wollte. Was die Mönche jedoch nicht wussten, war, dass der König nicht vorhatte, die Bücher zu bezahlen, sondern sie zu stehlen. Die Mönche brachten ihm nichtsahnend einen Stapel selbstgeschriebener Bücher, unter welchem auch das besondere Buch war, und baten um einen angemessenen Preis. Doch der habgierige König riss die Bücher sofort an sich, rannte davon und seine Soldaten schützten seinen Fluchtweg. Der Wert der gestohlenen Bücher betrug viele Jahre harter Schreibarbeit und die Mönche wussten nicht, warum ihr Gott dies geschehen ließ.
So machte sich das Buch auf seine abenteuerliche Reise. Zusammen mit den anderen Büchern wurde es in die königliche Bibliothek getragen, welche noch ziemlich leer war. Das Buch wusste, dass sein neuer Besitzer es nie lesen würde und nur zur Schau stellen würde. In dieser Bibliothek stand es mehrere Jahre unangerührt. Eines Abends veranstaltete der König eine große Feier zu seinem 50. Geburtstag. Zusammen mit seinen Gästen ging er in seine prunkvolle Bibliothek und wollte ihnen seine geraubten Bücher präsentieren. Einer seiner Sklaven stand am Eingang. Beim Hinausgehen schubste der König ihn beiläufig um, weil er ihn nicht ausstehen konnte. Der arme Sklave fiel mit einer brennenden Kerze hin, die sogleich einen Stapel Bücher in Brand setzte. Aufgrund des größer werdenden Feuers entstand ein panischer Tumult, und ein Gast des Königs stieß gegen ein Bücherregal in der Mitte des Raumes. Wie beim Domino stießen die vielen Bücherregale sich gegenseitig um und auch das kleine Buch wurde unter Bergen von Büchern begraben. Doch auf wundersame Weise wurde das besondere Buch durch eine große herabfallende Blumenvase aus Keramik vor dem verheerenden Feuer beschützt. Im Mittelalter gab es noch keine Feuerwehrfahrzeuge, deswegen wurden Brände entweder mit der bloßen Hand gelöscht oder gar nicht. Das ganze große Schloss brannte daher bis auf seine steinernen Grundmauern nieder und zurück blieb ein Haufen verkohlter Trümmer. Bei dem ganzen Durcheinander im Schloss starb der böse König zusammen mit seiner Gefolgschaft. Der König war in der Stadt sehr unbeliebt und so gingen die Leute einfach zur Burg, um in den Trümmern nach brauchbaren Sachen zu suchen.

Doch plötzlich kamen räuberische Barbaren in das Dorf und forderten alle Wertgegenstände, welche sich auf dem Trümmerfeld befanden, für sich. Sie drohten, sonst würden sie das Dorf niederbrennen. Der Anführer der Barbaren nahm das Buch und alle anderen brauchbaren Dinge an sich, und die Dorfbewohner konnten nichts dagegen unternehmen. Beim Durchstöbern fanden die Barbaren so viel, dass sie das Dorf doch nicht abrannten und nur ihre gestohlenen Gegenstände mitnahmen. Alles wurde auf ein Pferdegespann geladen, und sie zogen ab.
Der Anführer wusste nicht, wo sie ihr geraubtes Zeug zu Geld machen konnten, und so fuhren sie zum nächsten Markt. Auf dem Weg dorthin kam die Räubertruppe an einer sehr unebenen Straße vorbei, welche viele Schlaglöcher hatte. Aufgrund dieser tiefen Schlaglöcher fiel das besondere Buch bei beachtlicher Geschwindigkeit vom Wagen herunter. Die Räuber bemerkten das Fehlen des Buches nicht und fuhren weiter. Auf dieser Straße blieb es kurz unberührt liegen, bis es ein fahrender Händler fand, welcher es sicher auf seinem hölzernen Pferdegespann unterbrachte. Gleich am nächsten Morgen wollte er das schöne Buch auf dem nächsten Markt wieder verkaufen, zu einem noch höheren Preis. Doch heute war nicht sein Glückstag und ein Gewitter zog auf. Der Himmel verdunkelte sich rabenschwarz, woraufhin ein mächtiger Orkan anfing zu wüten. Es fing alles mit einem kleinen Regenschauer an, welcher schnell stärker wurde. Der Händler fing an, sich Sorgen, um seine kostbare Ware zu machen, welche hinten auf seinem Wagen lag. Sie war zwar mit einer Plane geschützt, hielt aber nicht allen Winden stand. Deswegen musste sich der Händler einen Unterstand suchen. Er fand in einem nah gelegenen Wäldchen eine Höhle in einer Felswand, die nicht von den Regenmassen geflutet worden war. Der Regen wurde immer intensiver und dichter. Langsam begann sich der Händler ernsthaft zu sorgen, ob er heute noch zu seiner Familie zurückkehren würde.
Die Stunden verstrichen qualvoll. Doch plötzlich passierte etwas: Ein großer Fels hatte sich über der Höhle gelöst und rutschte die Felswand hinunter. Die vielen Regengüsse hatten den Untergrund aufgeschwemmt und brachten ihn zum Fallen. Er fiel direkt vor den Höhleneingang und versperrte diesen. Der Händler brach in Tränen aus, weil er wusste, er würde hier drinnen sterben. Nach weiteren vier Stunden in der Höhle hörte der Regen auf und der alte Händler war immer noch in der Höhle. Doch noch war nicht alle Hoffnung verloren, denn die Höhle war bekannt unter den Einwohnern des nächsten Dorfes. So kam es, dass gleich nach dem Ende des Unwetters ein kleiner Junge zu der Höhle kam. Er bemerkte sofort, dass der Eingang versperrt war und versuchte dennoch in die Höhle zu gelangen. Seine brachialen Versuche wurden von dem Händler in der Höhle erhört und er rief nach dem Jungen. Zuerst wusste dieser nicht, was er tun sollte, geschweige denn, wie er in die Höhle kommen sollte, um dem Händler zu helfen. Da bemerkte er am oberen Rand des Felsens mehrere einzelne Steine, die sich ineinander verkeilt hatten. Nach mehreren Versuchen schaffte er es, sie wegzuräumen und dem Händler eine Möglichkeit zu geben, zu entkommen. Der Händler zwängte sich mühsam durch den schmalen Spalt und schlüpfte in die Freiheit. Er schaute noch ein letztes Mal zurück auf seinen Wagen mit seinem ganzen Hab und Gut und ließ ihn schweren Herzens zurück. Das Buch hatte ebenso große Angst wie der Händler gehabt, während der Sturm wütete und jetzt noch viel stärkere Furcht, weil es in der Höhle lag, welche von Steinen verschlossen war. Zum Glück war es in Gesellschaft der anderen Bücher, aber trotzdem ohne Rettung. Der Händler war kein rücksichtsloser Mensch und hatte das Buch ordentlich verstaut in eine Buchkapsel, ähnlich einer ledernen Tasche mit Deckel. Die anderen Bücher hatten nicht so einen Luxus und lagen in Stapeln auf dem Wagen verteilt.

So vergingen einige Jahrzehnte.
Zwar wollten erst viele Menschen die Höhle wieder besuchen, taten es dann aber doch nicht, weil das Gerücht umging, die Höhle sei von Dämonen bewohnt. Deswegen wurde des Händlers Wagen auch nie gefunden. Auf jeden Fall nicht im Mittelalter.
Viele Jahre später, im 19. Jahrhundert nach Christus, wurde die Höhle erstmals wieder geöffnet, und zwar von Archäologen, welche die Felsformation auf Anzeichen von Menschen untersuchten. Durch Zufall stießen sie auf lose Steine, die sich einfach mit Spitzhacken entfernen ließen. Dahinter fanden sie eine fast leere Höhle, da beinahe alles aus dem Mittelalter verrottet war. Außer einer stark ramponierten Ledertasche, welche von Mäusen angefressen und vom Wetter stark zersetzt war. Die Archäologen nahmen die Tasche mit in ihr Labor und untersuchten sie. Dort entdeckten sie das alte Buch und freuten sich sehr über ihren großen Fund. Anschließend wurde es an seinem neuen Ehrenplatz im nahen Museum ausgestellt, zur großen Freude der Museumsmitarbeiter.
Und dort steht das Buch bis heute. Nicht allein, sondern mit anderen alten Büchern. Und jeden Tag wird es von Menschen bewundert, weil es so lange überlebt hat.
