Dienstag, 05. November 2013

CSD in Kassel: bunt, abgefahren und total politisch

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"Liebesgrüße nach Moskau!" steht auf dem T-Shirt eines Demonstranten im Rahmen des CSD in Kassel. Darunter ein mit Photoshop ins Abstrakte gezerrtes Bild des derzeitigen russischen Präsidenten Wladimir Wladimirowitsch Putin, der in dieser Darstellung gut als Homosexueller durchgehen würde. Dieses Shirt wirkt zunächst witzig, bringt aber eine ernste, eindeutig politische Botschaft zum Ausdruck: Hier gehen die Menschen gegen Putin und die neuen Gesetze seiner Regierung auf die Straße. Gesetze, die das Leben homosexueller Menschen in Russland extrem einschränken.

DSC 0706 78Aber von Anfang an: Es ist Samstag, der 24.8.2013. In Kassel ist CSD-Parade, auch Gay-Pride genannt. Jedes Jahr findet im Sommer in den meisten größeren Städten diese kunterbunte Demonstrations-Parade statt, bei der vor allem für die Rechte und Gleichstellung von homosexuellen, transidenten, intersexuellen, asexuellen, pansexuellen, genderqueeren und bisexuellen Menschen demonstriert wird. Dieses Jahr sind die Augen auf Russland gerichtet. Der Grund: Die russische Regierung hat in jüngster Zeit einige Gesetze erlassen, die unter anderem „zum Schutz der Kinder homosexuelle Propaganda“ verbieten. Das bedeutet konkret, dass positive Äußerungen jeglicher Art über Homo- oder Transsexualität verboten sind, öffentliches gleichgeschlechtliches Küssen mit einer Geldstrafe geahndet werden kann, ein Outing im öffentlichen Raum strafbar ist und Homosexualität oder Transidentität nicht mehr in Schulbüchern und dem Aufklärungsunterricht auftauchen. Auch Gay-Prides sind inzwischen verboten. All diese Verbote werden damit begründet, Homosexualität vermittle „Kindern ein verzerrtes Bild zwischenmenschlicher Beziehungen" und schädige deren Psyche dauerhaft, so Putin.

DSC 0753 73Auf dem diesjährigen CSD wurde aber nicht nur gegen Putin und seine homophoben Gesetze protestiert, sondern auch der Magistrat Kassels aufgefordert, die Städtepartnerschaft zu der russischen Stadt Jaroslawl abzubrechen, um "Putin zu zeigen, dass wir seine homophoben und menschenverachtenden Gesetze nicht dulden!“, so der CSD-Verein Kassel. Eine Pride-Besucherin sagt hierzu traurig: „Als Putin gewählt wurde, dachten viele, Russland sei auf einem sehr guten Weg, aber er macht viel kaputt."

Dieses Thema ist auch für Schülerinnen und Schüler des Goethe-Gymnasiums interessant, denn immerhin findet jedes Jahr ein Schüleraustausch mit Jaroslawl statt, welcher dann schlimmstenfalls wegfallen würde. Den meisten  gefällt die Idee der Städtepartnerschaft, und vor allem viele Russisch-Schüler freuten sich auf den diesjährigen Besuch ihrer Austauschpartner. „Die Partnerschaft mit Jaroslawl ermöglicht, neue Leute kennenzulernen und sich auszutauschen“, sagt Vidana aus der 9d. Dem können auch andere Befragte nur zustimmen, kritische Worte über die Partnerschaft zu Jaroslawl sind nicht zu vernehmen. Die Forderung des CSD-Vereins Kassel dagegen überrascht.   Sophie aus dem Jahrgang 9 sagt hierzu: „Der Abbruch wurde ja wegen der neuen Gesetze gegen Homosexualität gefordert und gegen diese bin ich ja auch, aber die haben doch nichts mit der Städtepartnerschaft zu tun.“ Vidana sieht das ähnlich: „Es geht ja um ein politisches Zeichen, warum muss man dafür die Partnerschaft aufgeben? Was hat ein Schüler-Austausch mit Politik zu tun? Andererseits muss man ja irgendwas gegen diese Gesetze tun.“ Maximilian (ebenfalls Jahrgang 9) äußert sich folgendermaßen: „Ehrlich gesagt, finde ich es schon ein bisschen eklig, wenn zum Beispiel zwei Männer sich küssen, aber trotzdem sollte es nicht verboten werden! Das ist nicht menschenwürdig! Aber der Austausch muss bestehen bleiben."

DSC 0417 131Obwohl die meisten der Teilnehmer am Austausch weder über Putin noch über Russlands neue Gesetze erfreut sind, befürwortet niemand absolut den Abbruch der Städtepartnerschaft zu Jaroslawl. Mit dem Argument „Die Städtepartnerschaft hat nichts mit den neuen Gesetzen zu tun!“ äußern sich sowohl Maximilian als auch David hierzu recht deutlich. Vidana hingegen beginnt im Lauf des Interviews zu zweifeln: „Es geht ja darum, ein Zeichen zu setzen, und das ist vielleicht wichtiger als unser Austausch.“ 

„Eine Städte-Partnerschaft ist doch eigentlich dazu da, Meinungen auszutauschen! Man sollte sich mit Russland austauschen und die Partnerschaft nutzen, anstatt sie zu beenden! Das Problem wird von der falschen Seite angegangen.“ Das ist die Meinung einer Pride-Besucherin, die wohl den Nagel auf den Kopf trifft. Denn was hier in Deutschland für viele erstmal nur eine schlimme Vorstellung ist, ist in Russland bittere Realität, an der ein Kontaktabbruch vermutlich auch nichts ändert. Der Magistrat Kassel hat in keiner Form auf die gestellte Forderung reagiert, aber eines ist klar: Dürften die Befragten darüber entscheiden, bliebe die Städtepartnerschaft noch lange erhalten.

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