Sonntag, 20. Mai 2012

Woyzeck im Koma

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Am 9. und 10. Mai 2012 war es wieder soweit: Die Aula des Kasseler Goethe-Gymnasiums verwandelte sich in einen virtuellen Ort, an dem alles möglich werden kann. Ein geheimnisvolles Lichtspiel tanzt im Saal, als die Zuschauer sich auf ihre Plätze begeben. Die bedrohlich wirkende Musik unterstreicht die düstere Atmosphäre, die Unheil verkündet. Auf dem Boden liegen die Toten, in schwarz gekleidet und an die Decke starrend. Gespielt werden sie vom DS-Kurs aus dem Jahrgang Q2 unter der Leitung von DS-Lehrerin Frau Binnenmarsch. "Koma" ist der Titel des Theaterstücks.

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Inszeniert und umbenannt wurde Georg Büchners Drama "Woyzeck" - ein Klassiker der deutschsprachigen Literatur und manchmal auch gefürchtet von Oberstufenschülern. Jedoch ist es gut vorstellbar, dass diese Angst nun dank der hervorragenden schauspielerischen Leistung der Darsteller zumindest an unserem Gymnasium verschwindet.

Die bekannte Handlung des Stücks ist auf das Schulleben übertragen: Der harmlose, sanftmütige Teenager Franz Woyzeck wird von seinen Klassenkammeraden erniedrigt und missachtet. Selbst sein Lehrer verspottet ihn. Er versucht, seinen Status zu ändern und zu den angebeteten Sportlichen zu gehören, indem er sich auf einen medizinischen Versuch unter Einnahme von Anabolika einlässt. Da dieser jedoch von einem gewissenlosen Arzt durchgeführt wird, verschlimmert sich Woyzecks physischer und psychischer Zustand. Als sich dann auch noch seine geliebte Freundin Marie von ihm abwendet und mit dem schönen Sportler Tom flirtet, verliert er vollkommen den Verstand.

Etwas ganz Besonderes an der Inszenierung ist die Idee, dass stets mehrere Darsteller ein und dieselbe Figur verkörpern. Somit hat das Theaterstück gleich mehrere Woyzecks, Maries und Doktoren zu bieten. Bemerkenswert ist, wie synchron die Akteure schauspielern, sodass das Publikum keine Probleme damit hat, zu erkennen, wer welche Rolle übernimmt. Dabei sind sie jedoch alle auf ihre eigene Art und Weise ganz eigen und Originale.

Ein wunderbar mieser Lehrer namens Herr Hauptmann wird gespielt von Erik Tuchtfeld. Der als engagiert bekannte Schüler, den man oft mit einem Lächeln auf den Lippen sieht, zeigt als rücksichtsloser Unmensch eine völlig neue Seite. Beachtlich ist - ebenso wie bei der gnadenlosen Ärztin Johanna Teclemariam - die klare, laute Aussprache und die energische Aura, kombiniert mit Professionalität.

Als Woyzeck mit dem verstörten Blick rührt Milan Matouschek zu Tränen. Zu schwach ist er, um sich gegen die Doktoren zu wehren, und seine Hilflosigkeit ist ergreifend. Es scheint, als schauspielere er nicht, sondern habe die Figur zum Leben erweckt. Er ist ganz natürlich, und genau das geht so sehr zu Herzen. Das ist wahrhaftiges Talent!

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Gesine Graw alias Marie hat eine starke Ausstrahlung im Rampenlicht. Es kommt so vor, als könne sie die gebannten Blicke der Zuschauer perfekt ausblenden. Till Templin als Tom Major bringt mit coolen Flirtposen das Publikum zum Lachen. Zu erwähnen ist auch die Sicherheit, mit der der Schauspieler auf der Bühne steht.

Ein weiterer überraschender Einfall ist ein von Woyzeck Yonis Mohamoud vorgetragener Gangsta-Rap nach Vorlage des Hamburger Rappers Swiss. Diesen hat der Schauspieler sogar an einigen Stellen für die Aufführung umgeschrieben. Die grenzenlose Wut auf das soziale Umfeld Woyzecks ist darin zusammengefasst, und wüsste man nicht, dass es sich beim Darsteller um keinen Fachmann handelt, könnte man meinen, er gehe jeden Abend auf Tour. Ein unglaublich professioneller Auftritt!

Die Reaktion des Publikums, welches kreischt und tobt, spricht für sich. Noch nie scheint eine DS-Aufführung am Goethe-Gymnasium so gut angekommen zu sein. Nach Ende der Vorstellung hört man mehrmals: "Das ist das beste DS-Stück, das ich jemals gesehen habe." Doch was denken einzelne Zuschauer über das Werk? Philipp Borkiewicz aus der Q2 sieht zwei Seiten an der Inszenierung. "Ich fand die Übergänge nicht so gut. Da war oft ein gewisser Bruch zwischen den Szenen. Gut war aber, dass das Stück choreographisch strukturiert war. Ich hatte das Gefühl, dass jeder wusste, was er machen sollte", so der Schüler. Özge Fendï, selbst Schauspielerin im zweiten DS-Kurs des Jahrgangs unter der Leitung von Herrn Lück, hat ebenfalls sowohl Lob, als auch Kritik parat. "Das Stück war richtig gut, besser als unseres. Die Videos haben mir gefallen. Im Vergleich zu dem vorigen Stück hat man gemerkt, dass da eine junge Lehrerin am Werk war. Etwas schade war, dass auf der Bühne alles gezeigt wurde, sodass keine Fragen geblieben sind, die mich zum Nachdenken gebracht hätten."
Wir danken jedem einzelnen Darsteller und natürlich auch der Kursleiterin Frau Binnenmarsch für die eingebrachte Arbeit und Energie, durch die uns zwei fantastische und aufwühlende Abende geschenkt wurden. Wir hoffen auf viele weitere Vorstellungen und bitten euch herzlich darum, euer Talent niemals zu vergessen und die Leidenschaft fürs Schauspielern, die uns emotional berührt hat, nicht zu verlieren!

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