Mittwoch, 12. September 2012

Je offensichtlicher, desto besser ?

Von 
(3 )

Wer kennt das nicht: Man hat gelernt, aber einige Fachbegriffe entfallen einem immer wieder. Was tun? Eine altmodische Lösung ist ein „Tafelspicker". Die Fachbegriffe werden mal eben in das Tafelbild des Vorgängers eingefügt, und man kann während der Klausur bequem und ohne großes Risiko ablesen. Dadurch, dass der Spicker so einfach und gut versteckt ist, denken viele Lehrer nicht daran, die Tafel zu schließen oder sie zu säubern.

tafelbild_insider

Mit den Smartphones heutzutage entstehen jedoch ganz andere Möglichkeiten. Man kann während der Arbeit jederzeit ins Internet und Hilfe suchen, wenn man sich geschickt anstellt. Da Wikipedia und andere Internetseiten unter Umständen jedoch keine vertrauenswürdigen Informationen enthalten, greift man gerne auf eine ganz andere Möglichkeit zurück. Das dachte sich auch ein Mathematik-Grundkursschüler der Qualifikationsphase, der seine Arbeit kurzerhand fotografierte und an Sönke und seine Mitschülerin Sabrina (beide Q2) sendete. Sönke und Sabrina sind Mathematik-Leistungskursschüler und entschieden sofort, dem Grundkursschüler zu helfen. Sie waren gerade mit den Aufgaben des Grundkursschülers beschäftigt, als ihr Mathelehrer sie dabei ertappte, wie sie fremde Aufgaben rechneten. Zuerst dachte er sich nichts dabei, da es sich um das gleiche Thema handelte. Als er jedoch ins Lehrerzimmer kam und die Arbeiten der Grundkurse sah, realisierte er den Betrug und gab ihn an die Schulleitung weiter. Den Grund für den ganzen Wirbel um einen Betrug beschreibt Frau Vollmer (Mathelehrerin in einem GK der Q2): "Anders als sonst sind Umfang und Anzahl der beteiligten Schüler durch What's App unüberschaubar."
So mussten sich beide Leistungskursschüler der Schulleitung stellen und ihr Verhalten rechtfertigen. Während dieser Gespräche mit der Schulleitung wurden sie gebeten, die Namen derer zu nennen, denen sie die Lösungen bereits geschickt hatten. Die Schüler, die die Lösungen bekommen hatten, sollten verständlicherweise ebenfalls bestraft werden, da dies anderenfalls  den "ehrlichen" Schülern gegenüber unfair gewesen wäre.

totenbuchfertschNach dieser ganzen Geschichte kursierten einige wilde Gerüchte über den weiteren Verlauf. Die LK-Schüler hatten unter dem Druck der Schulleitung zugegeben, dass sie die Lösungen an einen Schüler, der von einer LehrerIN unterrichtet wird, gesendet hatten. Daher verbreitete sich das Gerücht schnell, dass nur alle Jungs, die bei einer Lehrerin Unterricht haben, nachschreiben müssen. Des Weiteren wurde befürchtet, dass alle GK-Schüler die Mathearbeit an einem Samstag nachschreiben müssten. Viele Beteiligte, viele Spekulationen! Bis jetzt wurde die Arbeit jedoch nicht nachgeschrieben. Die zweite Klausur wurde aber wesentlich strenger überwacht als jemals zuvor. Während alle GK-Schüler ihre Handys, Taschen und Jacken nach vorne legen mussten, war es den LK-Schülern verboten, den Klassenraum zu verlassen. Aber sind diese Maßnahmen wirklich erforderlich? Um eine faire Klausur zu gewährleisten, sei es nötig, dass zum Beispiel Handys eingesammelt würden, so Sönke. Er persönlich sieht die getroffenen Maßnahmen als gerechtfertigt an.
Letztlich stellt sich noch die Frage, inwiefern dieser Betrugsversuch so von einem „Tafelspicker" abweicht, dass ein solcher Aufwand um ihn betrieben wird. Wieso wurde diese Spickmethode so stark thematisiert? Diese Frage stellt sich auch Sönke: "Als ich dem Grundkurs-Schüler geholfen habe, habe ich das persönlich nicht als schlimmer empfunden, als abschreiben zu lassen. Ich hätte nie erwartet, dass es so große Kreise zieht und dass es die Lehrer so enttäuscht. Ich hätte auch nicht damit gerechnet, dass das Vertrauensverhältnis darunter so leidet."
Aber nicht nur das Vertrauensverhältnis leidet unter der Geschichte, denn neben dem GK-Schüler müssen auch Sönke und Sabrina einige Sozialstunden ableisten. Die hohe Strafe dient vor allem aber auch als Abschreckung, noch einmal auf diese Weise zu spicken. Eine Strafe sei wichtig, um die Fairness den Schülern gegenüber aufrecht zu erhalten, die lernen, so Frau Vollmer. Vergleicht man die heutigen Strafen jedoch mit denjenigen, die man noch ein paar Jahrzehnte vorher einstecken musste, scheinen Sozialstunden eher harmlos zu sein. Während Schüler heute Nachhilfestunden ableisten müssen, wurden Schüler früher z.B. mit einem Rohrstock geschlagen, und auch das Schlüsselbundwerfen ist legendär. Wenn ein Schüler also die Wahl zwischen Schlägen und Sozialstunden hätte, was würde er wohl wählen?
Zu guter Letzt lässt sich sagen, dass sich sie Devise "Je offensichtlicher, desto besser" in Bezug auf das Spicken bewahrheitet hat. In den letzten Jahren wurden die „Tafelspicker" oft erkannt. Dies löste jedoch keine so große Aufregung aus wie die Handy-Geschichte. Der Grund dafür, dass dieser Vorfall eine solche Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat, könnte also an der Tatsache liegen, dass sie nicht so banal war wie altbekannte Methoden. Frau Vollmers Zukunftsprognose für Handys lautet: "Handys werden immer mehr können und könnten vielleicht auch ab und zu gewinnbringend für den Unterricht eingesetzt werden. Aber bei Klausuren: Back to the basics!" 

Wie steht ihr zum Spicken? Habt ihr auch schon mal etwas in einer Klausur riskiert? Stimmt dazu in unserem aktuellen Voting ab!

Gelesen 5120 mal