Samstag, 17. November 2018

Stadtradeln – mehr als nur ein Wettbewerb?

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An unserer Schule fand vor Wochen das erste Mal der Wettbewerb „Stadtradeln“ statt. Für drei Wochen konnte man seine mit dem Fahrrad gefahrenen Kilometer angeben, immer mit dem Ziel vor Augen, das Goethe-Gymnasium Team zum Sieg zu führen. Aber war es wirklich nur ein plumper Wettbewerb, wo ausschließlich der Sieg gezählt hat? Oder ist da mehr unter der Oberfläche? Stadtradeln ist eine Kampagne vom „Klima-Bündnis“, einem europäischen Netzwerk aus Städten, Gemeinden und Landkreisen, die sich verpflichtet haben, das Weltklima zu schützen. Zu einer ihrer Pflichten gehört die klimaschonende Mobilität. Insgesamt schnitten wir gar nicht schlecht ab!

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Also starteten sie vor vielen Jahren diese Kampagne. Die Intention dahinter: Vereinsmitglieder, Unternehmer, Lehrer, Schüler, Bürger, also eigentlich alle, dazu zu animieren, bei möglichen Verhältnissen, sprich Wetter- und Wegverhältnissen, mal das Auto oder den Roller auf dem Parkplatz stehen zu lassen und stattdessen das Fahrrad aus der Garage zu holen. In diesem Jahr zählten für die Stadt Kassel im Zeitraum vom 7. bis 27. September alle Fahrradkilometer, ganz egal, ob in der Freizeit oder auf dem Weg zur Schule. „Die Intention hinter dem Wettbewerb ist es“, so erzählt mir unser Sportlehrer und Fahrradwerkstatt-Betreuer Herr Ruppert, „ein Umweltbewusstsein zu erzeugen. Die Teilnehmer sollen nachher feststellen, dass man auch einige Wege mit dem Fahrrad machen kann.“ Herr Ruppert weist noch auf das momentane Abgasproblem hin und meint, dass das Fahrradfahren eine willkommene Alternative dazu sei. So denkt ebenfalls unser Sportlehrer Herr Schön: „Die allermeisten verhalten sich viel zu häufig umweltschädlich zugunsten ihres eigenen Komforts. Das Stadtradeln bietet Anlass, dies für einen überschaubaren Zeitraum zu ändern. Man kann nicht alles richtig machen, aber ein bisschen hilft immens.“ 

Herr Ruppert fügt noch zum Stadtradeln hinzu, dass es Schüler gebe, die normalerweise keinen Zugang zum Fahrradfahren hätten. Durch den Wettbewerb würden sie dann dazu angespornt, es mal zu versuchen. Die Fahrradwerkstatt der Schule habe auch gute Mountainbikes, dort könnten sie dann jeweils eins ausleihen und vielleicht würden sie sich dann perspektivisch ein eigenes anschaffen.
Trotzdem ist nicht alles perfekt, das gilt auch beim Stadtradeln. Einige Schüler finden die Kampagne grundsätzlich gut, jedoch sagen sie, dass die StadtradelnApp, wo man seine Kilometer angeben und sich die Kilometerzahlen der eigenen Teammitglieder und der anderen Kommunen anschauen kann, dringend optimiert werden müsse. Bei einigen habe sie z.B. mehrfach nicht funktioniert. Zudem kritisiert Schüler Raymond Coßmann (Q1) besonders die einfache Möglichkeit, zu schummeln. Denn um das hinzubekommen, muss man kein diabolisches Genie sein. Man gibt einfach Kilometer ein, die man nicht wirklich mit dem Fahrrad gefahren ist, und dann werden diese trotzdem gewertet. Die in Kassel zuständige Radverkehrsbeauftragte, Anne Grimm, sieht dieses Problem auch. Doch sie fügt hinzu, dass es zwar andere Möglichkeiten gegeben hätte, z.B. via GPS, die Kilometer aufzuzeichnen, jedoch hätte dann das Problem bestanden, dass nicht jeder Zugriff darauf gehabt hätte. Nicht jeder habe ein Smartphone oder generelll die Möglichkeit, die Daten aufzuzeichnen. Deshalb bevorzuge sie diese Methode und vertraue den Teilnehmern. Herr Ruppert meint aber noch, dass der Begriff „Wettbewerb“ auch noch zum Schummeln anrege. Dabei gehe die eigentliche Idee hinter Stadtradeln verloren. Das Wort „Aktion“ sei eine bessere Option. Frau Grimm ist derselben Meinung, dass die Versuchung zu Schummeln durch den Wettbewerbscharakter vielleicht mehr gegeben sei. Dennoch sieht sie in dem Wettbewerbsbegriff auch Vorteile, denn dieser reize die Teilnehmer mehr. Die Motivation sei größer, zu schauen, wie viele Kilometer der Kollege gefahren sei und wie viele man selbst noch brauche, um diesen zu schlagen. In unserem Team sorgte dies übrigens tatsächlich in den drei Wochen immer für zusätzlichen Gesprächsstoff und förderte so den Teamgeist. Darüber hinaus hat Frau Grimm von Schulklassen mitbekommen, dass der Klassenverband gestärkt wurde.
Was noch nicht gerade attraktiv für die Schüler erscheint, ist die schlechte Fahrradinfrastruktur im Umfeld der Schule. Nehmen wir z.B. die Ysenburgstraße: eine sehr stark befahrene Straße, natürlich auch von Autos und großen LKW. Davon können Herr Ruppert und seine Bike-AG ein Lied singen. Sehr regelmäßig fahren sie mit 20 Leuten durch den Verkehr. Da ist dann selbstverständlich Herzklopfen vorprogrammiert. Besonders gefährlich: Wenn jemand die Spur auf der Hafenbrücke wechseln will, muss er dies frühzeitig anzeigen, da stets die Gefahr besteht, dass Laster den Weg schneiden. Alle Schüler müssen die Zeichen können, sonst ist dieser Weg viel zu gefährlich.

Herr Eichner, der unser Sportlehrer ist und zu den Top Drei unseres Stadtradeln-Teams gehört, sieht im Stadtradeln eine positive Lösung für dieses Problem. Laut ihm wären Politiker durch diese Kampagne zum Umdenken gezwungen, wenn sie dann sehen, wie viele Menschen in Kassel tatsächlich Fahrradfahren, sodass sie dann neue Fahrradwege setzen würden. Eine Theorie, von deren Erfüllung Frau Grimm überzeugt ist: "Mit dem Stadtradeln können wir für das Radfahren in Kassel ein Zeichen setzen. Radfahrer sind gleichberechtigte Verkehrsteilnehmer und benötigen dementsprechend auch Radverkehrsanlagen." Die Zeichen dafür stünden auch nicht schlecht, so Frau Grimm. Und sie hat Recht: 2008 lag die Anzahl der Radfahrer am Gesamtverkehrsaufkommen in Kassel bei sieben Prozent, 2013 stieg es auf neun Prozent an. Da kann man sich denken, dass wieder fünf Jahre später der Wert weiter gestiegen ist. Bei über zehn Prozent sei schon für die Politiker und Öffentlichkeit kenntlich, dass hier Fahrradwege von Nöten seien. Im Moment plane man beispielsweise den Ausbau der Raddirektverbindungen von Vellmar nach Kassel, Baunatal nach Kassel und Kaufungen/Helsa nach Kassel. Außerdem werfe man bei jeder Straßenbahnmaßnahme das Auge darauf, wie man den Radverkehr integrieren könnte. Beispielhaft sind noch zu nennen: Am Auedamm wird im nächsten Jahr der Gehweg ausgebaut, um ihn auch noch für Fahrradfahrer freizugeben. Und mit Abschluss des Radverkehrskonzeptes möchte die Stadt Kassel einen Blick auf die Fahrradstraßen werfen, diese einheitlich gestalten und markieren sowie weitere auszuschildern.

Generell kann man sagen, dass Stadtradeln eine gute Sache ist. Klar, es hat noch seine Fehler, die behoben werden müssen, unter anderem die manuelle Eingabe der Kilometer, aber trotzdem ist die Intention dahinter eine gute und notwendige. Außerdem: Dafür, dass es das erste Mal für unsere Schule ist, haben wir uns nicht schlecht geschlagen. Anfangs hat es gedauert, bis viele Teilnehmer auf diese Kampagne heiß wurden, diese Phase trat erst ein, als der Wettbewerb schon lief - aber vielleicht lag das an der Kommunikation der Schüler untereinander, die sich dann dachten, dass sie sowieso Fahrradfahren, da könne man sich ja mal anmelden. Und das hat sich schlussendlich ausgezahlt. In der Abschiedsveranstaltung wurden wir mit vielen Flickzeug-Sets für die Schulfahrräder und mit dem Versprechen, drei neue Fahrradständer auf dem Schulhof zu setzen, geehrt. Zwar erreichten wir nur Platz zwei in der Kategorie "Schulteam mit der größten Anzahl an zurückgelegten Kilometern", doch für unser erstes Mal ist das nicht schlecht. Wer weiß, was wir dann nächstes Jahr reißen werden?!

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