Donnerstag, 01. Dezember 2022

Naturkosmetik aus Kassel von Ben und Anna

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Von unserer Redakteurin Tamina Fohrmann (10e)

Bio, Nachhaltigkeit und Umweltbewusstsein werden in unserer Gesellschaft immer mehr wertgeschätzt. Besonders regionale Produkte sind beliebt, weil es keine langen Transportwege gibt. Auch in Kassel gibt es ein Unternehmen, das sich mit biologischen Produkten beschäftigt. Ben und Anna sind nicht nur die Namen der Gründer, sondern es ist auch der Name der Firma, die in Kassel ihren Sitz hat und Naturkosmetik herstellt. Kosmetik ist aber nicht, wie oft angenommen wird, nur Lippenstift oder Mascara. Diese Dinge fallen in den Bereich der dekorativen Kosmetik, aber auch Deos und Zahnpasta sowie Dinge der alltäglichen Hygiene sind Kosmetikartikel.

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„Der Name „Ben und Anna“ entstand aus dem Gedanken, sowohl die persönliche Entstehungsgeschichte erzählen zu können als auch einen international aussprechbaren Namen zu haben. Es ist aber auch wichtig, dass das Produkt unisex und personalisiert ist“, so Marcus Fritze, der seit der Gründung der Firma für Ben und Anna arbeitet. Auch die Entstehungsgeschichte des Unternehmens hat er uns erzählt:
„Meine Schwägerin, die Anna heißt, hat ein Deo selber angemischt. Dieses basiert im Grunde, wenn man es einfach ausdrückt, auf Backpulver. Das ist der Wirkstoff unseres Deos, mit dem wir angefangen haben. Er nennt sich auch Bicarbonat, oder auf Englisch „Soda“, deshalb heißen sie bei uns Soda Deodorants. Und wie das so ist, man arbeitet, man hat alles getestet, nichts funktioniert und plötzlich meint eine Schwägerin, dass sie ein haltbares Deo anmischen kann, was sonst keiner schafft. Daraufhin haben wir gewettet, weil ich es nicht geglaubt habe. Wir sind Skifahren gewesen, ich habe das Deo mitgenommen, habe es getestet und es hat super gehalten, sonst würde ich hier heute nicht sitzen und es verkaufen.“
Inzwischen ist Ben und Anna europaweit aufgestellt. International zu werden, sei aber nicht das Ziel, da das Konzept der Nachhaltigkeit nicht erfüllt werde, wenn man die Produkte auf andere Kontinente verschiffe. Dennoch hat Ben und Anna es geschafft, in Deutschland in jedem Drogerie-Markt vertreten zu sein. Und auch in anderen Ländern, wie z.B. Kroatien, sind ganze Regale mit nur diesen Produkten zu finden.
Auf die Frage, wie man es schafft, wirklich nachhaltige Produkte herzustellen, antwortet Marcus Fritze:
„Die Stoffe sind eigentlich da. Ich nehme mal ein Beispiel, was wir jetzt zum Glück aber auch gelöst haben. Ganz viele Leute haben mit festen Duschen angefangen. Das ist eigentlich sehr nachhaltig, man hat keine Plastikverpackung mehr, in der Regel auch natürliche Inhaltsstoffe. Jetzt kommt aber der Endkonsument und bevorzugt es als Gel. Man muss sich für vieles umstellen. Das heißt, wir haben auf der einen Seite ein preisliches Thema, aber der Mensch ist oftmals sehr bequem und die Umstellung bedeutet im ersten Moment vielleicht auch Verzicht. Das ist dann eine Aufgabe für die Hersteller. Wir haben mittlerweile Duschflakes. Diese Flakes füllt man in eine alte Plastikflasche, gibt Wasser hinzu, schüttelt und hat sein eigenes Duschgel. Somit bekommt der Kunde sein Gel, dennoch hat man plastikfreies, natürliches Shampoo.“
Eine weitere Herausforderung besteht natürlich darin, umweltschädigende Stoffe, die in herkömmlichen Produkten sind, durch nachhaltige Rohstoffe zu ersetzen. Das gelinge, indem man substituiere, sagt Marcus Fritze und erklärt:
„Man tauscht diese Rohstoffe aus und guckt sich die Eigenschaften an, das heißt, man schaut, welcher Rohstoff die Funktion des ersten auch mitbringt. Ich versuche mal, es ganz einfach zu erklären. Wenn man eine chemische weiße Farbe hergestellt hat, könnte man überlegen, dass Kreide doch auch weiß ist. Also fragen wir uns, ob wir das nicht auch mit Kreide machen können, weil diese die gleichen Eigenschaften hat, aber ein natürlicher Stoff ist. Vielleicht muss man dann Kreide mit etwas anderem kombinieren, was auch weiß ist, und plötzlich bleibt es auch bei Regen haften. Im Prinzip geht man beim Austauschen von Rohstoffen genauso vor.“

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Besonders ist, dass alle Produkte zertifizierte Naturkosmetik sind, wobei der Begriff „Naturkosmetik“ alleine nicht geschützt ist. Marcus Fritze erklärt, dass schon bei einem einzigen natürlichen Inhaltsstoff in einem Produkt von Naturkosmetik die Rede sein könne. Um sicherzugehen, dass es wirklich reine Natur, ganz ohne Chemie ist, gebe es bestimmte Siegel und Zertifikate. Deren Anforderungen zu erfüllen, sei hart, weil es in einem Land der „Zertifikatliebhaber“, so Marcus Fritze, in dem die Standards sehr hoch seien und selbst die Reinigungsmittel der Maschinen auf ihren natürlichen Gehalt geprüft würden, äußerst schwierig sei, reine Natur zu verarbeiten: „Auch die Entstehung des Rohstoffes wird bei uns kontrolliert. Zum Beispiel kann man manche Rohstoffe von anderen Rohstoffen abspalten, benutzt dafür aber ein chemisches Element. Auch das dürfen wir nicht. Wir dürfen wieder nur natürliche Elemente dafür verwenden, was aber oftmals einen viel größeren Aufwand bedeutet.“
Ziel sei es aktuell, die Duschflakes auch in Shampoo-Form zu produzieren. Außerdem ist es Ben und Anna endlich möglich, in die Verpackungsindustrie einzusteigen. Somit kann gewährleistet werden, dass alles, auch der Klebstoff der Verpackungen, aus rein natürlichen Stoffen hergestellt wird. Die neue Verpackung des Lippenbalsams durften wir uns sogar ansehen: eine kleine Papiertube, in der sich der Lippenbalsam befindet und aus der man das Produkt herausdrückt und mit dem Mund wieder hineinschiebt. Marcus Fritze zeigt uns, wie es funktioniert und erzählt außerdem über die Verpackungen: „Sie bestehen aus Papier und aus einem 100% natürlichen Klebstoff, den man ganz früher schon verwendet und vor ungefähr 100 Jahren in der Möbelverarbeitung benutzt hat.“ Dass Dinge und Stoffe, die früher genutzt wurden, heutzutage wiederkommen, sei schon öfters passiert. So zum Beispiel auch bei Bicarbonat, welches früher oft in Wasch- und Putzmitteln verarbeitet wurde. Dann jedoch kam eine Zeit in den 70ern, die sehr stark durch Amerika geprägt war. Marcus Fritze benennt das damalige Motto so: „Durch Chemie wird alles antibakteriell, besser und sauberer.“
Es gibt also viele natürliche Stoffe, die man verwenden kann. Dennoch kann es passieren, dass eine Produktidee nicht klappt, weil sie zu teuer werden würde. Schließlich gebe es auch Preisbarrieren, sagt Marcus Fritze. Die Produktion eines Produktes dürfe nicht zu teuer sein, weil niemand ein Shampoo kaufe, dass 50€ kostet, selbst wenn es das beste der Welt wäre.
Manchmal passiert es auch, dass sich kleine Fehler einschleichen. Bei der Produktion der ersten Tube wurde nicht bedacht, dass der Finger der Kunden gar nicht lang genug war, um das Produkt bis zum Ende herauszudrücken. „Solche Fehler passieren“, sagt Marcus Fritze mit einem Lächeln und meint, eigentlich müsse man sich bei den allerersten Ben und Anna-Kunden dafür entschuldigen.
Und als wäre all das nicht genug, steht Ben und Anna nicht nur für Naturkosmetik und Nachhaltigkeit, sondern hat es auch geschafft, ein Projekt ins Leben zu rufen, das Umweltschutz und Soziales verbindet. Dieses Projekt finanzieren sie aus ihrem eigenen Gewinn. Zunächst wird Plastik aus dem Meer gesammelt, dann werden Plastikflaschen voll damit gestopft. Diese Flaschen, die sich nicht mal mehr eindrücken lassen, weil sie so voll sind, heißen „Ecobricks“. Was macht man jetzt mit diesen Flaschen? „Dadurch entsteht ein ganzes Dorf“, erläutert Marcus Fritze. Er erklärt, dass aus diesen Bricks Mauern gebaut werden, indem sie wie Ziegel genutzt werden. Um sie herum befindet sich Lehm, wodurch das Plastik vor der Sonne geschützt wird und nicht verrotten kann. Ben und Anna hat dieses Projekt mit Projekt Wings zusammen gestartet und in Sumatra zuerst eine Mauer und dann auch Häuser aus Ecobricks gebaut. Inzwischen beteiligen sich auch andere Firmen, die an dem Bau eines ganzen Dorfes beteiligt sind, zum Beispiel mit Sportplätzen.
Auch in Zukunft will Ben und Anna sich sozial engagieren. „Man soll sich immer erstmal auf das eine konzentrieren und wenn das erledigt ist, dann gucken wir weiter. Ich glaube, wir werden immer versuchen, irgendetwas zu tun, aber ob das weiterhin etwas wie das Projekt in Sumatra ist oder ob es vielleicht eine ganz andere Idee gibt, das weiß ich jetzt noch nicht.“
Was aber ganz sicher ist: Ben und Anna wird weiterhin versuchen, neue Produkte zu entwerfen, die die Umwelt nicht zu sehr belasten, und uns somit nachhaltige Produkte anzubieten, bei denen wir dennoch nicht auf unsere Gewohnheiten und Bequemlichkeiten verzichten müssen.

 

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