Freitag, 26. Juni 2020

Gottes kleine Faust - Kapitel 9: Volltreffer

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Anna öffnete die Tür noch bevor Angie klingeln konnte. Die Zeigefinger auf den Lippen zeigten, dass Angie ganz leise sein sollte. Sie winkte Angie herein. Angie schlüpfte so leise wie sie nur konnte durch die Tür, zog die Schuhe vorsichtig aus und ließ sich von Anna in ihr Zimmer führen. Als sie am Wohnzimmer vorbei kamen, begriff Angie, warum sie ganz leise sein sollte. Annas Eltern hatten Besuch. Eine große Torte stand auf dem Tisch, ein paar Blumen und auch kleine Geschenkpakete. Unbemerkt gelangten sie in Annas Zimmer.

„Das war knapp!“ stellte Anna lächelnd fest. Sie atmete hörbar und sichtlich erleichtert aus. „Wenn du geklingelt hättest, müssten wir bestimmt erst eine Stunde mit Mama zusammen Kaffee trinken!“
Angie, der schon beim bloßen Anblick der Torte das Wasser im Munde zusammen gelaufen war, wunderte sich:
„Und was wäre so schlimm daran? Ich mag deine Mutter und noch viel mehr ihre Torten! Das weißt du doch.“
„Ja, natürlich weiß ich das“, „lächelte Anna, „aber ich bin doch so gespannt auf deine Neuigkeiten. Und am Kaffeetisch mit all den anderen zusammen plauderst du ganz bestimmt nichts aus!“

Sie setzten sich auf den Boden, der mit seinem flauschigen Teppich dazu einlud. Annas Zimmer hatte einen Kamin, was Angie absolut riesig fand. Hier war der Lieblingsplatz der beiden Freundinnen, selbst wenn kein Feuer loderte. Angie war überhaupt gerne bei Anna. Mit ihr konnte sie über alles reden und - was Angie genauso wichtig fand: sie konnten auch miteinander schweigen! Manchmal war es einfach nur schön, mit Anna zusammen zu sein und still vor dem Kamin zu liegen.

Doch diesmal drängelte die Freundin:
„Komm schon! Spann mich nicht so auf die Folter. Erzähl mir von dem Neuen in deiner Klasse!“
Angie schluckte und schaute Hilfe suchend in den Kamin, der gar nicht brannte. Sie begriff, dass sie es nicht länger aufschieben konnte.

„Glaubst du an Engel?“ platzte es aus ihr heraus. Ruckartig hatte sie den Kopf gedreht und sie schaute jetzt Auge in Auge Anna an. Die war nicht vorbereitet auf diesen Einstieg.
„Glaub ich was?“, wiederholte sie überrascht.
„Glaubst du an die Existenz von Engeln?“
„Ähm... na ja... Einen Schutzengel hat doch wohl jeder, oder nicht? Aber daran glauben... ich weiß nicht... Wieso fragst du?“
„Der Neue in meiner Klasse, Matthias, ist ein Engel!“

Angie machte eine kurze Pause, denn sie blickte in zwei starre, unbewegte Augen.
„Schau mich nicht so an“, setzte sie fort, „ich weiß, dass es unglaublich oder unmöglich und überhaupt irrsinnig klingt... Aber er ist ein Engel.- Und ich soll auch einer sein!“

Jetzt war es heraus. Ihr war überhaupt nicht wohler, aber es war heraus. Ängstlich wartete sie auf das Lachen ihrer besten Freundin und doch hoffte sie zugleich, dass genau das nicht geschehen würde. Nicht ihre Freundin...

 

Annas Gesichtszüge blieben für einen Moment wie eingefroren. Was sich wie eine Explosion aus Angies Mund entladen hatte, schlug ein wie eine Bombe. Anna kannte Angie so gut und so lange, dass sie sofort wusste, dass Angie nicht gelogen hatte. Was unglaublich und phantastisch klang, war dennoch wahr, dass wusste Anna instinktiv.

Der Nachmittag nahm in Sekundenschnelle eine andere Richtung als Anna erwartet hatte. Vor wenigen Minuten noch hatte sie geglaubt, sie würde einen herrlichen „Läster-Nachmittag“ unter Freundinnen verbringen. Sie hatte gedacht, Angie wäre frisch und über beide Ohren verliebt und sie hatte sich auch schon überlegt, wie sie ihre Freundin hochnehmen könnte. Doch in einem Augenblick hatte sie begriffen, dass es ernster war. Viel ernster!

Anna stand auf und schloss die Tür, die bis dahin nur angelehnt war. Dann setzte sie sich wieder auf den Teppich neben Angie und schlug den Arm um sie.
„Was ist genau passiert? Ich will alles ganz genau hören. Fang an!“

Und Angie ließ sich in die Arme ihrer besten Freundin fallen und erzählte alles. Ohne Unterbrechung, ohne Stocken und ohne Pause. Und Anna hörte einfach zu.

Angies Erzählung endete damit, dass sie gemeinsam im See geschwommen waren, der doch eigentlich schon viel zu kalt zum Baden war. Doch er war gar nicht kalt gewesen, erzählte sie Anna, und es hatte ihr überhaupt nur gut getan.

„Und wann seht ihr euch wieder?“ fragte Anna, als Angie mit einem Male schwieg.
„Ich weiß nicht,“ antwortete sie beinahe erstaunt, als hätte sie noch gar nicht darüber nachgedacht. „Wahrscheinlich am Montag in der Schule.“

Anna stand erneut auf, doch diesmal ging sie nicht zur Tür, sondern zum Bücherregal. Sie griff nach einem sehr dicken Buch. Angie sah es dem Buch an, dass es schon sehr alt war.

„Was ist das für ein Buch?“ fragte Angie.
„Kennst du das wirklich nicht? Hier: Lies!“
Angies Augen wanderten über den Buchrücken: „Die Schriften des Alten und des Neuen Testaments“ las sie. Was willst du jetzt mit der Bibel?“
„Na was schon. Ich will nachsehen, was über unseren „Freund“ Thomas drin steht!“
Angie staunte. Auf diese Idee war sie noch gar nicht gekommen.
„Und wie willst du ihn finden?“ fragte sie. „Die Bibel ist doch viel zu dick. Das kann ja Tage dauern.“
„Du vergisst, dass ich auf die Stiftschule gehe und nicht auf dein olles Goethe – Gymnasium. Wir wissen alle mit der Bibel umzugehen.“ Sie wusste, wie überheblich das klang und setzte noch einen drauf. „Bei uns unterrichten sogar noch Nonnen! Die achten auf so etwas im Reli-Unterricht.“

Angie setzte sich jetzt richtig auf und schaute interessiert über Annas Schulter. Auf den alten Streit, welche Schule die beste war, wollte sie jetzt nicht eingehen. Dafür war ein andermal wieder Zeit. Anna hatte sich auf den Boden gekniet, das Buch vor sich aufgeschlagen und blätterte bereits.
„Und wie machen wir das jetzt?“ fragte Angie, die nun ihrerseits völlig überrascht war, wie Anna so sicher wusste, was zu tun war. Sie selbst hatte keinen blassen Schimmer und schämte sich fast ein bisschen dafür.

 

„Eigentlich brauchen wir eine sogenannte „Konkordanz“. Das ist so eine Art Lexikon zur Bibel. Mit diesem Lexikon findet man ganz schnell Bibelstellen. Man sucht da einfach unter dem Begriff „Thomas“ und schon findet man alle Bibelstellen, in denen etwas über Thomas steht.“
„Alle?“ Angie Stimme klang enttäuscht. „Das kann ja immer noch Stunden dauern, bis wir die richtigen Bibelstelle gefunden haben.“
„Ach wo!. So weit ich mich erinnere, kommt Thomas gar nicht so häufig vor. Und außerdem haben wir ja ein paar Hinweise.“
„Welche Hinweise meinst du?“

„Na überleg doch mal. Thomas wollte nicht glauben, dass Jesus auferstanden ist. Da die Evangelien alle mit dem Tod und der Auferstehung Jesu enden, müssen wir ganz hinten nachsehen.“
„Und welches Evangelium nehmen wir?“ fragte Angie , die wieder ganz Feuer und Flamme war. „Es gibt doch vier davon. Auf welches tippst du?“
„Ich tippe auf das Matthäus-Evangelium. Hat nicht Matthias gesagt, dass er ein alter Freund von Thomas sei?“
„Richtig! Das hat er gesagt.“

Angie schubste Anna sanft zur Seite und blätterte wie wild. Doch bald gab sie auf. Hilfesuchend sah sie Anna an.
„Hätte ich doch besser in „Reli“ aufgepasst. Da ist kein Matthäus !“
„Natürlich nicht,“ antwortete Anna und nahm der Freundin das Buch wieder ab. „Du suchst ja auch im Alten Testament. Die Geschichten über Jesus und seine Jünger stehen aber im zweiten Teil, dem Neuen Testament. Schau! Hier ist das Inhaltsverzeichnis.“
„Wahnsinn. Sind das viele Namen und Überschriften!“
„Ja klar. Im Grunde ist so eine Bibel eine kleine Bibliothek. Stell dir mal vor: Das Alte Testament besteht aus 45 einzelnen Büchern. Das Neue Testament immerhin noch aus 27.“ Sie machte eine kleine Pause und bemerkte, dass Angie Anna bewundernd anstarrte.
„Schau mich nicht mit so großen Augen an! Nächste Woche habe ich das auch wieder vergessen. Aber wir haben vorgestern in Religion eine Arbeit über so etwas geschrieben. Da habe ich all das auswendig lernen müssen.“

Angie staunte deswegen nicht weniger. Für Angie war die Bibel immer völlig uninteressant geblieben. Das war nicht ihre Welt, nicht ihre Sprache. Freiwillig hätte sie das Buch niemals gelesen. Aber jetzt war sie auf einmal sehr gespannt auf jedes Wort, das über Annas Lippen kam. Anna fuhr fort und erklärte, während sie blätterte:
„ Das Neue Testament beginnt mit den vier Evangelien. Das Matthäus-Evangelium kommt als erstes. Ich glaube nicht, dass wir das Bibellexikon brauchen. Das haben wir gleich.“

Schnell hatte sie das Ende des Evangeliums gefunden. Gespannt suchte sie einige Seiten durch, indem sie über die Kapitelüberschriften flog. Sie hoffte, irgendwo die Worte „Auferstehung“ und „Thomas“ zu erhaschen.
„Hier ist die „Kreuzigung“....“murmelte sie leise und angestrengt. Ihre Wangen waren ganz rot geworden. „ ... „Grablegung“ ....gleich kommt es!“
Angies Augen suchten gespannt mit. Dann aber blickten sie sich enttäuscht an. Sie fanden kein Wort über Thomas!

 

 

Aber Angie ließ sich nicht entmutigen
„Komm schon! Wir haben noch drei Evangelien. Jetzt hol schon deine „Concorde“ oder wie das Lexikon heißt!“
Sie sprang auf und suchte nun selbst das Bücherregal ab. Doch Anna kam nicht hinterher. Als Angie das bemerkte und sich ärgerlich umdrehte, saß Anna schon am Computer und tippte in die Tastatur.

„Meine Konkordanz steht hier!“ sagte sie leise und konzentriert suchend. „ Wozu gibt es das Internet? Setz dich zu mir.“

Mit wenigen Mausklicks war sie bei der Suchmaschine, die ihr die richtige Stelle verriet:
„Im Johannes-Evangelium müssen wir suchen!“ jubelte sie. „Kapitel 20, Vers 24 bis Vers 29.

Sie klickte wieder mit der Maus und der gesuchte Text erschien auf dem Bildschirm. Angie beugte sich vor. Atemlos lasen sie gemeinsam die Geschichte von Jesus, den Aposteln und Thomas, der für die Auferstehung Jesu einen Beweis forderte.

„Volltreffer!“ sagte Anna und sah Angie an.

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