Montag, 27. Juli 2020

Gottes kleine Faust - Kapitel 18: Wunder

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Als der Gong zur großen Pause ertönte, strömten alle Schüler nach draußen. Der Regen hatte aufgehört und die Sonne kroch langsam hervor. Angie und Matthias blieben allein im Klassenzimmer zurück.
Matthias setzte sich neben Angie und legte den Arm sanft um sie. Wenn jetzt irgendwelche Mitschüler plötzlich zurück gekommen wären, hätte es schon wieder ein Gejohle gegeben. Sehr offensichtlich hätten sie gesehen, dass beide eng miteinander befreundet waren. Angie fühlte sich allerdings nicht verliebt, sondern eher verstört. Ratlos fragte sie Matthias:
„Was ist denn heute los mit dir?“ Sie sah ihm direkt in die Augen. „Du musst mir jetzt endlich alles erklären!“
„Ich weiß.“ Matthias hielt ihrem Blick stand. „Außerdem habe ich es dir ja versprochen.“

„Ich glaube nicht, dass die Pause dazu ausreichend wird. Ich habe so viele Fragen, dafür brauchst du eine ganze Woche!“ Angie schaute besorgt zur Uhr. Außerdem ging ihr Blick zur Tür. Wann würden die ersten aus der Pause zurückkehren?
„Sei unbesorgt! Wir werden Zeit genug zum Reden haben. Keiner wird uns stören.“
Angie wunderte sich schon wieder über ihren neuen Freund. Wieso war Matthias auf einmal wieder so anders? Warum war er wieder so seltsam sicher? Die große Pause dauerte insgesamt 15 Minuten und die erste Hälfte war bestimmt schon vorüber.
„Schau hinunter in den Hof, dann weißt du es.“, sagte Matthias und nickte mit dem Kopf in Richtung Fenster. Angie machte ein fragendes Gesicht, dann löste sie sich aus der Umarmung und ging zum Fenster. Sie traf beinahe der Schlag: Auf dem Hof stand alles still.

Der Schulhof sah aus wie auf einer Photographie. Belebt und voll wie immer in der großen Pause, aber gleichzeitig wie „eingefroren“. Regungslos blieb jeder auf dem Hof in seiner Aktion. Alles wirkte auf einmal wie im Wachsfigurenkabinett:

Zwei raufende Schüler waren mitten im Fallen zum Stillstand gekommen.
Schulbrotessende Schüler waren beim Kauen scheinbar eingeschlafen und die Fußballer sahen aus, als würden sie ein „Standbild“ proben. Das Tollste war aber der Ball, der in der Luft „stecken geblieben“ war , als sei er festgenagelt worden. Gespenstisch!

„Wie hast du das denn hingekriegt?“ fragte Angie entgeistert. Sie wusste nicht, ob sie sich fürchten oder einfach nur loslachen sollte. „Das ist ja phantastisch, das ist ja toll, das ist ...“ , sie zögerte, dann sagte sie es aber doch, und sie sagte es sehr bewusst und entschieden:
„Das ist ja ein Wunder!“

Matthias war auch aufgestanden und zu ihr herüber gekommen. Sie standen jetzt gemeinsam am Fenster. Matthias sagte:
„Nenne es wie du willst, aber eigentlich ist es gar nicht wichtig.“
Er schaute nicht mehr auf den Hof, aber Angie konnte den Blick nicht von dem Standbild lassen. Sie sagte:
„Das soll nicht wichtig sein? Du lässt die ganze Schule „einschlafen“, du lässt sogar die Zeit still stehen,“ sie hatte bei den letzten Worten auf die Uhr geblickt, „und das soll nicht wichtig sein?“
Jetzt schaute sie Matthias ins Gesicht.

 

 

„Aber Matthias! Zusammen mit dem, was am Wochenende passiert ist, ist das das Aufregendste, was bisher in meinem Leben passiert ist! Du kommst von weiß ich woher und machst...“ , sie suchte wieder nach Worten und vermied mit Mühe das Wort „Wunder“, „ ...solche Dinge. Das ist ..“ sie zögerte wieder, „... das ist doch sensationell. Warum zeigst du dich nicht allen so? Warum steht das nicht in der Zeitung, warum gehen wir nicht ins Fernsehen?“
Matthias schaute sie ernst an.
„Weil es jetzt erst einmal um dich geht.“
„Wie meinst du das?“

„Ich bin gekommen, weil ich eine Nachricht für dich habe. Ich soll dir sagen, dass du ein Engel bist.“ Er macht eine kleine Pause. „Und ich soll dir alles erklären, weil du Fragen haben wirst. Das war abzusehen. Das gehört zu meinem Auftrag.“
„ Auftrag?“
„Ja. Ich habe es dir schon einmal bei unserem ersten Treffen im Garten der alten Mamsell gesagt: Noch haben wir Zeit, aber du musst dich entscheiden.“
Matthias Gesicht war wieder besorgt und ernst geworden, wie gestern am Bootshaus.

„Du musst entscheiden, ob du mehr wissen willst über die Geheimnisse des Glaubens, über die Wurzeln und den Sinn des Lebens und über die Zukunft der Welt. Ich soll dir dabei Hilfestellung geben, damit du eine Antwort geben kannst, die frei und klar und in voller Verantwortung gegeben wird. Ich habe darum gebeten, dass ich dir Zeichen der ganzen Kraft Gottes geben darf. Andere Menschen nennen diese Zeichen der Kraft Gottes „Wunder“, da hast du sicher Recht. Aber Wunder lenken eigentlich nur von dem Eigentlichen und Normalen ab, das doch viel wichtiger ist und die Welt verändern soll: Wir Menschen sind das Wunder.

Angie schwieg. Matthias hatte aufgehört zu erklären, aber sie hatte bis jetzt kaum etwas verstanden. Sie versuchte ihre Gedanken zu ordnen:
Ich bin ein Engel.
Matthias ist ein Engel.
Ich soll eine Antwort geben.
Ich kann Matthias alles fragen.

Sie schaute wieder Matthias an und fragte:
„Du machst Wunder nur für mich?“
Sie wagte kaum, die Antwort zu hören.
„Wenn du es so nennen willst, ja.“
„Wie willst du es denn nennen ?“
„Weißt du, Wunder sind nicht so toll, wie du gerade glaubst.“
„Wieso?“
„ Sie zwingen dich. Sie lassen dir keine andere Möglichkeit. Du hast keine Wahl mehr. Sie rauben dir die freie Entscheidung.“

Angie schaute ihn ohne Verständnis an. Matthias versuchte zu erklären:
„Ich meine: Hättest du ohne „Wunder“ geglaubt, dass ich ein Engel bin?“
Für die Antwort musste Angie nicht lange überlegen:
„Nein, sicherlich nicht.“
„Siehst du, das meine ich: du wirst gezwungen zu glauben, dass ich ein Engel bin. Bei einem Wunder hast du gar keine andere Chance.“

 

Angie dachte nach und verstand noch immer nicht woraufhin Matthias hinaus wollte.
„Und was ist so schlimm daran?“
„Im Grunde genommen nichts. Aber überleg mal weiter. Ich gebe dir ein anderes Beispiel, das du vielleicht besser verstehen kannst: Stell dir vor, du wärst in einen Jungen sehr verliebt.“ Angie grinste und Matthias grinste zurück.
„Stell dir also vor, du bist verliebt und du wünschst dir sehr, dass dich dieser Junge auch liebt. Möchtest du, dass er dazu gezwungen wird? Meinst du, dass das die richtige Art und Weise ist, eine Freundschaft oder eine große Liebe zu beginnen?“
Er wartete einen Augenblick, dann setzte er nach:
„Oder möchtest du nicht viel lieber, dass er sich freiwillig und aus freien Stücken zu dir bekennt und dir sagt, dass er dich auch sehr liebt?“

Jetzt begann sie langsam zu verstehen.
„Ich möchte, dass er es selber sagt.“
„Siehst du und deswegen muss er es auch am besten ganz alleine herausfinden und alleine entscheiden, oder?“
Sie nickte jetzt überzeugt: „Ja, das ist richtig.“

Matthias machte ihr ein Zeichen, dass sie sich zu ihm setzen sollte. Sie setzte sich ihm gegenüber und er nahm ihre beiden Hände in seine. Dann schaute er ihr in die Augen und erklärte sehr langsam wie ein Vater, der seiner Tochter etwas eindringlich erklären will:
„Und genau so ist es mit der Entscheidung Engel zu sein. Es ist eine Antwort wie in dem Beispiel von eben: Der Vater unser im Himmel – ich nenne den, den die Menschen in allen Religionen Gott nennen am liebsten so, wie Jesus es seinen Schülern beigebracht hat. Und ich bin gewissermaßen einer seiner Schüler, weißt du? – also der „Vater unser im Himmel“ möchte von seinen Kindern – den Menschen – ähnlich entdeckt werden oder besser noch geliebt werden, wie du von deinem Freund. Wunder sind nicht wirklich und Wunder sind deswegen nicht wirklich hilfreich. Sie zwingen dich, den „Vater unser im Himmel“ eine Antwort zu geben. Sie zwingen zur Liebe. Und das geht doch nicht, wie du selber eben gesagt hast. Verstehst du mich jetzt?“

Angie hatte die Augen immer noch auf den Lippen von Matthias. Sie brauchte ein wenig, um auf die Frage zu antworten. Dann sagte sie:
„Ich glaube schon. Aber dann bleibt doch noch immer die Frage...“ sie überlegte, wie sie es formulieren sollte, „ warum sehe und erlebe ich dauernd Wunder?“

„Es verkürzt die Zeit. Das Böse ist schon unterwegs.“
Matthias war wieder aufgestanden, so als ob jeden Moment etwas passieren könnte. Kampfbereit. „Noch haben wir Zeit, aber wir haben nicht mehr lange Zeit.“

Jetzt verstand Angie wieder gar nichts.
Sie erinnerte sich nur wieder an die Spinne und an das, was Matthias bei der alten Mamsell über das Böse gesagt hatte.
„Was ist das Böse, von dem du dauernd redest?
„Es gibt viele Namen dafür.“ Matthias kam wieder näher. „ Manche sagen der Teufel, oder der Satan oder Belzebub oder auch Luzifer. Es gibt noch viele andere Namen. So wie der „Vater unser im Himmel“ alles und alle liebt und die Liebe selbst ist, so hat das Böse nichts und niemanden lieb. Und so weit die Liebe vom Hass entfernt ist und doch ganz nahe beieinander zu finden sind, so sind auch Gott und das Böse gleichzeitig in gewisser Weise ganz weit und ganz nah zusammen.“

Angie zuckte zusammen. Hass und Liebe waren tatsächlich nahe beisammen.

Sie hatte es immer wieder schmerzhaft mitbekommen. Damals als ihre Eltern begonnen hatten, sich zu streiten. Erst hatten sie ja immer wieder zusammen gefunden, aber schließlich waren sie wie Hund und Katze geworden. Das hatte sehr weh getan. Nicht nur ihr, auch ihrer Mutter und ihrem Vater. Sie erinnerte sich noch sehr gut daran.

Angie wachte aus ihren Überlegungen auf, wie aus einer Tagträumerei. Matthias hatte sie für den Moment in Ruhe nachdenken lassen. Er saß auf dem Lehrerpult. Die Hände nach hinten gestützt, die Beine baumelten locker in der Luft.
So locker wünschte sie sich manchmal ihre Lehrer. Matthias schien ihre Gedanken gelesen zu haben, denn er lächelte zu ihr herüber und übernahm die Rolle des Lehrers.
„Wenn du magst, will ich dir gern mit Hilfe eines Beispiels zeigen, wie Jesus das Böse erklärt hat. Willst du?“
Angie musste nicht lange nachdenken.
„Natürlich will ich. Das weißt du doch.“

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