Montag, 27. Juli 2020

Gottes kleine Faust - Kapitel 32: Scherbenhaufen

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Angie wusste nun ganz genau, was sie tun musste. Sie hatte sich entschieden:
Langsam nahm sie die Brille von der Nase, legte sie auf den Boden und stellte den Fuß auf sie, bis sie zerbrach. Immer heftiger trat sie auf die Brille. Schließlich trampelte sie mit beiden Füßen so heftig auf ihr herum, dass nichts als ein gründlich verbogenes Gestell und viele kleine Scherben übrig blieben!-
Ihre Entscheidung war gründlich: Der Teufel hatte bei ihr verloren!

Kaum war die Brille von der Nase weg und kaputt, war auch das Bild von der Frau in Rot fort. Die Frau war verschwunden. Der Teufel ließ von ihr ab.

Angie war allein im Raum. Sie atmete schwer. Und sie atmete auf. Was hatte sie jetzt gewonnen?
Sie wusste es nicht.
Sie fühlte sich nicht wirklich besser, aber etwas erleichtert. Ein seltsames Gefühl.

Alles war wieder ruhig. Auch sie war wieder ruhig. Stille. Nur das Ticken des Weckers füllte den Raum.

Die Uhr zeigte jetzt halb fünf. An Schlaf war nicht mehr zu denken. Sie war viel zu aufgeregt.
Ob sie jemals wieder schlafen könnte? Angie schüttelte sich. Als wollte sie die Beklemmung, die sie eben noch gespürt hatte, wieder abschütteln.

Sie spürte auf einmal Hunger! Und Durst! Irgendwie kam es ihr vor, als sei sie selbst in der Wüste gewesen.
Was hatte eigentlich Jesus getan, als er aus der Wüste kam?
Ihre Neugier war geweckt. Sie sah das Neue Testament noch immer auf ihrem Kissen liegen.

„Matthäus Kapitel vier“ hatte die Frau in Rot gesagt... Sie blätterte und fand tatsächlich unter Matthäus 4, 1 – 11 wie Jesus vom Teufel auf die Probe gestellt wurde. Gebannt las, sie, was sie schon wusste.

Und Angie entdeckte noch mehr.
Sie entdeckte, dass in den Kapiteln zuvor kaum etwas „passierte“!
Anhand der Überschriften fand sie heraus, dass von Jesus nur sehr wenig als Kind beschrieben war und seine Taufe erst als Erwachsener stattfand. Merkwürdig, dachte sie. Erst nach der „Versuchung durch den Teufel“ begann die eigentliche Geschichte von Jesus, mit seinem Wirken, seinen Wundern und Reden, die Matthäus dann ausführlich ausbreitete. Ach ja, dachte Angie, Matthias!

Wo war nur ihr Freund?

Sie zog sich rasch den Schlafanzug aus und warf ihn aufs Bett. Ein heftiges Verlangen nach einer Dusche überkam sie. Dann schaute sie nochmals auf die Uhr. Sollte sie wirklich schon vor fünf Uhr früh duschen?
Warum eigentlich nicht?

 

 

Sie entschied sich für das überlange gelbe Badehandtuch und wickelte sich hinein. Dann schlich sie auf leisen Füßen ins Bad.

Das Badezimmer hatte dunkle und hellblaue Fliesen an den Wänden. Immer wieder unterbrachen auch gelbe Kacheln mit Sonnenblumenmuster den Rhythmus. Einfach kitschig! Angie hatte immer über ihre Eltern gelacht. Wie konnte man sich nur für solche Wände entscheiden?
Aber jetzt taten die blauen und gelben Farben unheimlich gut. Nur kein rot mehr! Das Rot, dass eben noch den ganzen Raum durchflutet hatte und auch jetzt noch ihr ganzes Denken einnahm, musste verschwinden. Schnell. Gründlich. Alles.

Sie stieg in die Dusche und zog die Duschwand zu. Dann öffnete sie den Hahn.
Herrliches kaltes Wasser fiel auf sie herab. Wie ein starker Regenguss prasselte das kühle Nass auf sie und überfiel angenehm ihre erhitzte Haut. Das Wasser lief und lief an ihr herunter und nahm jeden roten Ekel mit.
Sie versuchte nichts zu denken, nichts zu fühlen, nichts zu sehen.

Wie lange sie schon so mit geschlossenen Augen duschte, wusste sie nicht mehr.
Aber auf einmal merkte sie, dass sie kalt duschte. Sehr kalt! Sie erwachte wie aus einem fernen Traum zu neuem Leben. Schnell drehte sie den Regler auf warm. Wie ein Eisblock hatte sie unter der kalten Brause gestanden und nun taute sie wieder auf.
Das Blut durchströmte die Adern mit neuem Leben und brachte es in jede Zelle ihres Körpers. Von den Haarspitzen bis zu den Zehen, sie fühlte sich wieder besser.
Mehr noch: sie fühlte sich wie neugeboren.

Zum ersten Mal seit Stunden entspannte sich der ganze Körper. Die heißen Tropfen perlten an ihr hinunter und sie vermischten sich mit ihren Tränen. Denn auf einmal weinte sie hemmungslos. Sie konnte ihre Tränen gar nicht mehr aufhalten. Alle Dämme brachen. Die Tränen schossen nur so aus ihren Augen.

Sie war nicht traurig, sie war nicht fröhlich, aber es war, als wuschen die Tränen Angie auch von inner her rein und sauber und spülten alles, was sie bedrückte heraus. Sie weinte und weinte und mit der aufsteigenden Hitze schöpfte sie wieder neuen Mut und Zuversicht. Und so wie die Duschkabine sich mit weißem Nebel wohlig füllte und das ganze Badezimmer in Watte zu verpacken schien, so wechselte auch ihre Stimmung.

„Ich werde es schon schaffen“, dachte sie. „Es geht weiter. Ich darf jetzt nicht auch noch schlapp machen. Wenn ich auch noch zu Boden gehe, helfe ich Mama am wenigsten. Ich muss wieder aufstehen! Ich muss aufstehen und kämpfen. Das ist es, was Mama jetzt am meisten hilft!“

Als wäre ihre Batterie wieder aufgeladen spürte sie neue Energie. Das Gefühl von „Wüste“ und „klebrig“ war weggewaschen. Angie drehte das Wasser aus und griff nach dem Handtuch. Das Frottee auf der Haut fühlte sich gut an. Es wärmte und streichelte die Haut. Früher hatte Mama sie immer abgerubbelt... Das war früher. Sie musste das in ihrem Herzen behalten, aber sie durfte sich von der Erinnerung nicht traurig machen lassen oder hoffnungslos.

 

 

Sie wollte gerade... da hörte Angie dieses Geräusch an der Fensterscheibe.
Es war kein Klopfen, eher ein Ticken. Angst kannte sie nach den Erlebnissen der letzten Stunden für heute nicht mehr.
Angie ging zum Fenster, dass wegen der Hitze im Bad völlig vernebelt und beschlagen war. Noch immer konnte sie nichts erkennen. Aber immer wieder war dieses Ticken zu hören und ein Geräusch, als würde ein Vogel mit seinen Flügeln das Glas berühren. Angie nahm einen Zipfel ihres Badetuches und wischte sich ein Fleckchen Scheibe frei, um hinaus sehen zu können. Sie glaubte ihren Augen kaum: Da war tatsächlich ein Vogel.
Er war immer wieder ans Fenster geflogen und hatte mit seinem Schnabel ans Glas getickt. Angie strahlte: es war der Adler. Johannes war wieder da!

Angie öffnete sofort das Fenster und ließ ihn herein.
„Johannes!“, begrüßte sie ihn laut, „ Wo kommst du denn her?“

Auch Johannes schien sehr glücklich. Wie ein wilder Adler umflog er Angie im viel zu engen Badezimmer und warf sie fast um.
„Hallo Angie!“, platzte es auch aus ihm heraus, „Bin ich froh dich wiederzusehen!“
Er hüpfte aufgeregt vor ihr hin und her. „ Das hast du vorhin gut gemacht. Richtig gut! Ich bin so stolz auf dich! Du hast die richtige Entscheidung getroffen, ganz bestimmt!“
Der Adler redete so schnell und so viel, dass Angie ihn kaum verstehen konnte. Und er war noch lange nicht fertig:

„Ich habe deinen Brief natürlich sofort bekommen, frag nicht wie. Aber du weißt ja, dass Matthias dein Tagebuch lesen kann. Ich bin sofort zu dir geflogen. Ich dachte ich käme noch rechtzeitig. Ich wusste ja, dass das Böse zu dir kommen würde, aber ich wusste nicht wann. Nur Matthias hatte eine ungefähre Ahnung. Du weißt ja Bescheid, er ist für dich zuständig.“

Wusste Angie bescheid ?
Aber der Adler plapperte aufgeregt weiter.
„Aber als ich kam, war alles schon zu spät. Ich sah dich mit dieser Frau in Rot und wusste, dass es jetzt um alles ging. Ich durfte dir nicht helfen. Du musstest dich frei entscheiden, das weißt du ja. Und während ich aufgeregt um dich gezittert habe und endlose Schleifen über eurem Haus geflogen bin, um zu warten, was passiert, hast du das hier unten ganz allein toll gemacht!“
Wieder umsprang er Angie ganz wild. Er versuchte auf ihre Schulter zu fliegen, aber dass misslang nun wirklich im kleinen Zimmer.
„Ach, Angie. Ich habe ja gewusst, dass du stark sein würdest. Jetzt bist du eine von uns! Du bist ein Engel! Herzlichen Glückwunsch, Angie!“

„Ich bin was ?“
„Ja weißt du das denn nicht? Du bist eine von uns. Du hast dem Teufel widerstanden, dem Bösen, dem Satan!“

Angie schüttelte ungläubig den Kopf. Sie fühlte sich zwar „anders“ als noch vor einer Stunde. Sie fühlte sich auch besser. Aber sie fühlte sich nicht als Engel. Bei weitem nicht!
Das wusste sie nun wirklich am besten!

 

 

Johannes schien zu lächeln. Natürlich las auch er ihre Gedanken.

„Wer sagt dir denn, dass sich Engel ganz „toll“ und „wundervoll“ fühlen?
Engel sein ist kein „Gefühl“, kleine Angie. Engel sein ist eine „Aufgabe“, weißt du?
Du vergisst, dass Engel „Boten“ sind. Nimm es wieder als Gleichnis: Boten bringen Nachrichten, manchmal aber tragen sie auch Päckchen“

„Wie meinst du das?“ fragte Angie

„Kennst du nicht das Sprichwort: „Jeder hat sein Päckchen zu tragen“? Engel sind Wesen, die für andere das „Päckchen“ tragen helfen.“

Angie staunte nicht schlecht. Das hatte sie noch nie gehört.
Engel helfen anderen, ihr Päckchen zu tragen... wiederholte sie leise. Das gefiel ihr. Und das Gleichnis verstand sie auch. Sie verstand sofort, für wen sie Engel sein musste.
Sie konnte ihrer Mutter helfen, ihr „Päckchen“ zu tragen. Ganz bestimmt! Ja, das wollte sie tun!

„Siehst du, Angie. Du hast es kapiert. Du bist ein Engel, zweifellos. Das hast du entschieden. Auch wenn es ganz anders sein wird, als du immer gedacht hast.“

Angie hatte sich auf den Rand der Badewanne gesetzt. Der Adler hockte neben ihr. Er legte jetzt sein Haupt an Angies Schultern. Auch wenn es irgendwie umständlich aussah und den Adler auch anstrengte, war doch das Bemühen erkennbar, eine Geste von Freundschaft und Mitgefühl zu schenken.

„Ich weiß, dass du traurig bist und in Sorge wegen deine Mutter. Und ich kann dir leider auch nicht sagen, wie die Sache ausgehen wird. Das steht nicht in unserer Macht.“
Johannes schien die Flügel hilflos anzuheben.
„Aber du hast vorhin ganz stark gekämpft. Fast so wie Michael! Weißt du? Der, der den Satan aus dem Himmel gestürzt hat. Oder wie Jesus in der Wüste. Kämpfen kannst du! Das ist sicher!“

Er machte wieder eine Pause und versuchte, Angie in die Augen zu sehen.
„Du kanntest das „Kämpfen“ ja bisher nur von deinen Sportwettkämpfen.
Diese Kämpfe sind „Kinderspiele“ gegen das, wie du heute Nacht gekämpft hast. Und was noch vor dir liegt, ist auch nicht ohne. Das wird nicht leichter.
Aber du wirst es schaffen, wenn du den Weg mit Jesus gehst und auf Gott vertraust! So wie du es vorhin gemacht hast.“

So wie ich es vorhin gemacht habe, wiederholte Angie erneut. Was habe ich vorhin eigentlich gemacht? Habe ich wirklich auf Gott vertraut? Ich weiß nicht, dachte Angie. Ich habe doch nur gemacht, was Jesus in der Wüste auch gemacht hat....

„Genau!“ unterbrach Johannes Angie. „Und das ist der „Weg“. Versuche das, was Jesus gemacht hat nachzuleben. Das wird dir nicht immer so gelingen wie heute nacht. Aber wenn du auf Gott vertraust und Jesus so nachfolgst, wie Jesus auf Gott vertraut hat, dann...“

„Was dann?“ fragte Angie gespannt.

 

Dann,“ setzte Johannes fort und er schien wieder dabei zu lächeln, „..dann sind auch Wunder drin.“

Wollte sich Johannes über sie lustig machen? Angie sah ihn ratlos an. Wie meinte er das schon wieder?

„Die gehören einfach zur Wirklichkeit Gottes hinzu!“ fügte Johannes hinzu. Und weiter:
„Frag doch mal Matthias!“

Angie blickte erstaunt zur Seite. Matthias? Wie? Wo war Matthias?

„Matthias ist in deinem Zimmer und wartet schon auf dich. Aber er wartet, bis ich deinen Brief beantwortet habe. Deswegen bin ich doch gekommen. Oder soll ich ihn unbeantwortet lassen!“

Angie konnte es nicht fassen. Die Freunde waren wieder da. War das alles aufregend! Matthias war in ihrem Zimmer. Endlich war auch er wieder da!

Aber da war ja auch der Brief!
Die Frage, die sie ihm gestellt hatte!
Die war wichtig! Und nur Johannes konnte sie beantworten.

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