Montag, 27. Juli 2020

Gottes kleine Faust - Kapitel 33: Licht und Schatten

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„Ach, Johannes. Ich habe einfach nicht weiter gewusst. Und da habe ich dir den Brief geschrieben. Kannst du meine Frage jetzt beantworten?“ Sie schaute ihn fragend an.
„Wenn du schreibst, „Gott ist Liebe“, wie kann Gott dann das ganze Elend zulassen?“ Sie dachte wieder an ihre Mutter. „Das verstehe ich nicht.“

Der Adler flog auf die andere Seite und kletterte Angie auf den Schoß. Angie legte eine Hand auf den Kopf des Adlers und streichelte ihn sanft. Johannes hielt die Augen geschlossen, als würde er nachdenken. Für einige Augenblicke sagte keiner der beiden ein Wort. Dann öffnete der Adler seine Augen und sagte:

„Du hast die Antwort doch schon selbst gegeben! Eine bessere finde ich auch nicht.“
Angie sah ihn erstaunt an: „Ich habe die Antwort gegeben? Wann? Wem?“

Johannes antwortete: „Du hast vorhin der Frau in Rot gesagt, dass Gott nicht schuld ist am Terror, am Krieg und am Elend in der Welt. Du hast alleine erkannt, dass oft die Menschen Verursacher von Leid und Tod sind.
Gott ist Liebe, er quält die Menschen nicht und er belustigt sich nicht an ihrem Leid, wie der Teufel behauptet hat. Du hattest Recht, als du vermutet hast, das Gott auf seine Art selbst leidet.
Meinst du, es war schön mitzuerleben, wie Jesus von den Römern ans Kreuz geschlagen wurde und starb? Aber es musste wohl sein. Jesus hat mit seinem Opfer das Böse in uns besiegt.“

Angie hörte aufmerksam zu und dachte nach.
Matthias hatte gesagt, dass der Teufel Verursacher des Bösen sei. Zumindest war das die Lösung in seinem Gleichnisses gewesen. Terror, Neid und Hass ließen sich vielleicht so erklären. Auch Mord und Totschlag in der Welt.
Aber was war mit den Naturkatastrophen und dem Leid, dass sie verursachen? Waren da auch die Menschen schuld?

„Manchmal schon, Angie.“, mischte sich Johannes in ihr Denken. „Wenn du an die Konsequenzen der vielen Treibgase denkst, die die Ozonschicht der Erde zerstören.... das kann nicht gut enden. Aber auch hier sind die Menschen frei in ihrem Handeln.
Du hast natürlich Recht in Bezug auf Erdbeben und Regenfluten. Da sind nicht immer die Menschen verantwortlich. Warum Naturkatastrophen immer wieder die Welt heimsuchen, kann dir ein Naturwissenschaftler – ein Meteorologe oder Geologe - bestimmt besser erklären. Vielleicht sind das ganz natürliche und notwendige Erscheinungen.“

Der Adler schien einen Moment nachzudenken.

„Du hast vorhin der Frau in Rot eine sehr gute Antwort gegeben.“

„Ich?“ fragte Angie leise.
Sie konnte kaum glauben, dass sie selbst darauf eine Antwort gefunden hatte.

„Du hast gesagt, nur weil wir eine Antwort noch nicht kennen, heißt das noch lange nicht, dass es diese Antwort nicht gibt. Das hast du gesagt, Angie und da habe sogar ich gestaunt. Wirklich Angie!“

Er versuchte ihr mit dem Flügel auf die Schulter zu klopfen. Angie musste ein wenig lachen, als sie es im Badezimmerspiegel gegenüber sah.

„Und du hast noch etwas Weiteres und Wichtiges gesagt.“ Der Adler schaute Angie mit seinen Augen ruhig an. Angie hörte aufmerksam zu.
„Du hast gesagt, dass wir Gott nicht verurteilen dürfen, nur weil wir ihn nicht oder noch nicht verstehen. Das war sehr weise, kleine Angie.
Du bist ein Mensch. Aber eben auch nur ein Mensch. Auch Jesus ist als Mensch geboren und kannte die Antworten nicht auf das Leid seiner Zeit. Aber er hat auf Gott vertraut, dass er ihm die richtigen Antworten auf das Leid seiner Mitmenschen und auch auf sein eigenes Leiden geben wird.
Selbst am Kreuz hat er noch auf Gott vertraut. Und das war der Schüssel zu seiner Wiederauferstehung.
Wir können nur denselben Weg gehen und auf Gott vertrauen. So schwer es uns auch immer fällt. Aber einen anderen Weg, eine andere Chance haben wir nicht. Das offensichtlich Böse kann ganz bestimmt nicht die Antwort sein.“

Angie saß da und wunderte sich. Hatte sie das wirklich alles gesagt?

Mit offenem Mund saß sie auf dem Rand der Wanne und konnte gar nicht glauben, was sie da hörte. Es war eine Antwort auf ihre Frage, aber sie fiel ganz anders aus als sie es erwartet hatte. Und das Merkwürdigste war, dass sie sie im Grunde selbst gegeben hatte...

Wieder mischte sich Johannes in ihre Gedanken:
„Ich will dir noch ein Letztes sagen und ich hoffe, dass es dir helfen wird das Unbegreifliche an Gott mehr und mehr zu verstehen. Vielleicht kannst du es nachdem, was du heute nacht erlebt hast, einfacher verstehen, als andere.
Vorhin hast du eine besondere Brille getragen. Du hast damit aus der Perspektive gesehen, die leicht und oberflächlich zu erfassen ist: Du hast also die „Brille des Bösen“ aufgehabt. Aus der Blickrichtung des Bösen trägt Gott die Schuld am Leid der Welt.

Stell dir nun aber einmal vor, du hättest die „Brille Gottes“ auf!

Ich weiß, es klingt zu phantastisch. Aber stell dir vor, du würdest alles mit „seinen Augen“, aus seiner Perspektive sehen...
Johannes wartete einen Moment ab. Angie aber hatte keinen „Plan“! Wo sollte sie anfangen? Was sah Gott durch seine Brille?
Johannes erkannte ihre Hilflosigkeit.
„Das Böse ist leichter zu erfassen. Oft ist Gottes Plan viel zu groß für unseren kleinen Verstand!
Angie schaute nachdenklich. Der Adler redete weiter:
„Vielleicht ist es wie mit einer guten Mutter vergleichbar. Mit deiner Mutter!
Wenn du schon jetzt die ganze Verantwortung und alles Wissen über alles hättest, was deine Mutter trägt und weiß und verantwortet... Würde dich das nicht überfordern? Das wäre einfach zu viel an Last. Aber du vertraust deiner Mutter dein Leben an und weißt, dass sie dich halten und auffangen wird, ein Leben lang. Und so ist es auch mit dem lieben Gott.
Sei froh Angie, dass du die Welt nicht durch die „Brille Gottes“ sehen brauchst!

Ich glaube, die Welt ist bei ihm in guten Händen. So wie du in guten Händen bei deiner Mutter bist. Niemals kannst du tiefer fallen, als in seine Hände. Ich bleibe dabei:
Gott ist Liebe. In ihm gibt es keine Spur von Finsternis !
Das ist, worauf Jesus vertraut hat. Kannst du das auch?“

Angie hatte verstanden, was Johannes gesagt hatte, auch wenn ihr das Gleichnis mit den Händen weh tat.
Wie verbrannt waren die Hände der Mutter jetzt, nach dem schrecklichen Unfall?

Angie ahnte, dass ihre Mama jetzt die Hände ihrer Tochter brauchen würde. Und Angie fürchtete tatsächlich, dass sie dieser Aufgabe nicht gewachsen war, und dass sie diese Last nicht tragen können würde. Das würde ein schweres „Päckchen“ werden, das sie da annahm...

Johannes hatte lange geredet. Es schien sogar, als habe es ihn angestrengt. Dennoch war sein Blick jetzt voller Kraft und auf irgendeine besondere Art auch väterlich und sanft. Angie hatte das dringende Bedürfnis, Johannes zu umarmen, aber wie sollte sie einen Adler umarmen?
Sie musste unwillkürlich lächeln. Immerhin konnte sie ihn streicheln und Johannes schien glücklich, dass sie es tat.

„Werden wir uns wiedersehen, Johannes?“ fragte sie und in ihrer Stimme schwang ein Hauch von Sorge.

„Natürlich Angie. Wir gehören doch jetzt zusammen. Frag mich nicht nach Zeit und Ort. Das weiß ich nicht. Ich bin „Evangelist“, mehr nicht. Aber ich habe das Gefühl, dass wir uns schon bald wiedersehen werden. Und ich freue mich darauf!“

Der Adler kuschelte sich dicht an ihren Hals. Mit seinem Schnabel streichelte er so sanft er konnte Angie am Kinn. Angie sog die Zärtlichkeit auf und rieb ihrerseits mit der Hand sanft seinen Schnabel.

Mit einem sanften Ruck befreite sich der Adler aus der süßen Umklammerung:
„Vergiss Matthias nicht. Er wartet schon auf dich!“

Angie nickte. Sie stand vom Wannenrand auf und nahm den Adler wie ein Falkner auf den Arm. Dann ging sie mit dem Vogel zum Fenster und öffnete es. Bevor er los flog stupste sie zum Abschied noch einmal ihre Nase an seinen Schnabel. Aber schließlich öffnete der Adler seine riesigen Fittiche und glitt hinaus in das erste fast noch unscheinbare Licht des beginnenden Morgens.

 

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