Montag, 27. Juli 2020

Gottes kleine Faust - Kapitel 34: Distanz und Nähe

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Angie rannte zurück in ihr Zimmer.
Sie war sehr böse auf ihn gewesen, aber das war vorbei. Jetzt war sie nur froh, dass ihr Freund wieder da war. Es gab soviel zu erzählen, auch wenn, wie sie richtigerweise annahm, Matthias sehr genau wusste, was alles geschehen war.
Gespannt, aber leise drückte sie die Türklinke, um Matthias vielleicht doch überraschen zu können.

Der stand mit dem Rücken zur Tür vor Angies Kleiderschrank und wühlte mit der einen Hand in ihren Sachen herum, in der anderen trug er einen beachtlichen Stapel an frischer Wäsche. Angie stemmte sofort die Fäuste erbost in die Hüften und wollte sich gerade beschweren, da fing Matthias – ohne sich umzudrehen - an zu reden:

„Du hast einfach zu viele Sachen, Angie. Wie soll man da wissen, was du anziehen willst?“
Dann drehte er sich herum und lächelte sie an, Jetzt konnte sie ihm überhaupt nicht mehr böse
sein.

„Nettes Nachthemd hast du da an.“
Jetzt erst bemerkte Angie, dass sie halbnackt – mehr oder weniger gut ins Badetuch eingewickelt - vor Matthias stand. Sie lief rot an, grinste aber doch.
„Mach schon“, sagte sie im gespielt scharfen Ton, „dreh dich sofort um. Oder hast du keinen Respekt vor einer Dame?“
Matthias hob entschuldigend die Arme, bevor er sich zur Wand drehte. Angie kam näher und nahm ihm die Wäsche ab, die er für sie ausgewählt hatte.
„Danke, der Herr“, sagte sie und bemühte sich ironisch zu klingen.
„Keine Ursache“, antwortete Matthias höflich und deutete eine Verbeugung an.

Angie schlüpfte so schnell sie konnte in die frischen Klamotten, wuselte die Haare notdürftig zurecht und stellte sich hinter Matthias.
„So. Nun darfst du dich wieder umdrehen.“
Matthias lachte sie strahlend an.
„Das Fenster hat alles gespiegelt, aber ich habe selbstverständlich die Augen zugemacht.“
Für einen Moment war Angie tatsächlich erschrocken, aber dann lachten sie beide los und fielen sich in die Arme.
„Wo warst du bloß, Matthias? Ich habe dich so gebraucht!“
„Ich weiß, Angie,“ antwortete Matthias. „ich weiß!“

Seine Stimme klang jetzt ernster.
„Als wir uns gestern in der Schule sahen, wusste ich nicht, dass das Böse schon so nah ist und einen Angriff unternimmt. Aber der Unfall von deiner Mutter war sicher eine gute Gelegenheit, diesen Angriff auf dich zu versuchen.“

Angie sah Matthias fragend an. Matthias bemühte sich, es ihr zu erklären:
„Ich hatte dir gesagt, dass das Böse näher kommt, erinnerst du dich?“

Angie nickte.

„Und ich hatte dir gesagt, dass das Böse bisher noch keine Chance hatte, dich zu kriegen.“
Angie nickte wieder.
„Als nun deine Mutter gestern den Unfall mit dem Fleece-Pullover am Brennofen hatte, für den weder das Böse noch Gott verantwortlich sind, nutzte der „böse Feind“, wie ich ihn im „Gleichnis vom Unkraut im Weizen“ genannt habe, um den „Samen“ bei dir auszusäen. Aber er fand keinen Boden für seine Zwecke. Gott sei Dank hattest du schon genug eigene Wurzeln gebildet. Er hat es nach Kräften bei dir versucht, aber du hast ihm widerstanden.
Ich habe sehr um dich gezittert. Aber ich wusste, dass du es schaffen würdest. Du warst echt klasse!“

Angie nickte nachdenklich ein drittes Mal.

Fast wirkte es so, als wollte sie sich vergewissern, ob sie Matthias richtig verstanden habe, denn sie wiederholte es noch einmal in eigenen Worten:

„Also das Böse und auch Gott sind nicht schuld, am Unfall von meiner Mutter, weil sie selbst entschieden hat, den Fleece zu tragen und nicht vorsichtig genug war, richtig?“

Matthias nickte.

„Der Teufel hat die Gelegenheit genutzt, dass ich traurig und wütend auf dich und sogar auf Gott war,... und dann hat er versucht, dass ich mich von Gott abwende, dem ich gerade angefangen hatte zu vertrauen, weil ich dir vertraute?“

Matthias nickte wieder.

„Und du konntest nicht zu Hilfe kommen, weil ich die Entscheidung alleine treffen musste?“

Und auch Matthias nickte ein drittes Mal:
„Das ist der Grund, warum ich nicht kommen durfte. Gott hat dir vertraut, wie er damals - vor 2000 Jahren - Jesus vertraut hat. Und diesmal hat der Teufel „seine kleine Faust“ zu spüren bekommen: Gottes Faust! Dich!!“ Matthais nahm sie in seine Arme. „Du hast ganz toll gekämpft, auch wenn ich sehr wohl weiß, dass es dir gar nicht leicht gefallen ist, für Gott zu kämpfen“

Angie nickte kaum wahrnehmbar und Matthias fuhr traurig fort:

„Das Leid, jede Form von Leid, verursacht die schweren Krisen im Vertrauen auf Gott.
Selbst Jesus ging es so, besonders am Kreuz. Das Leid der Menschen macht sich das Böse immer wieder zum Nutzen, um die Menschen zu verführen, sich von Gott abzuwenden.“

Angie verstand, aber in einem Punkt musste sie doch nachfragen:
„Ging es Jesus tatsächlich auch so schlimm? Er musste doch wissen, dass Gott ihm helfen würde. Er ist doch Gottes Sohn?“

„Ja und nein, Angie. Du hast vorhin durch die Brille gesehen. Da hast du gesehen, wie Jesus tot am Kreuz hing und du hast es als sehr schlimm empfunden. Noch schlimmer aber war der Moment kurz vor seinem Tod.
Warte mal. Ich habe es aufgeschrieben. Schau mal hier!“

Er zeigte auf Angies Computer. Für einen Moment befürchtete Angie wieder Jesus am Kreuz sehen zu müssen, aber der Monitor blieb aus. Stattdessen ratterte der Drucker und druckte einen Satz aus dem Matthäus-Evangelium aus. Angie lief hinüber und nahm das erste Blatt, während der Drucker schon das nächste ausdruckte.
Sie kam zu Matthias zurück und las laut vor:

„Eli, eli, lema sabachtani.“

Fragend schaute sie zu Matthias.
“Was heißt das?

Matthias antwortete: „Das heißt: „ Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen““
Angie wunderte sich. „Und das hat Jesus am Kreuz gesagt?“

Matthias nickte wieder.
„Es war für die Menschen, die ihm bis unter das Kreuz nachgefolgt waren der schlimmste Moment. Jesus fühlte sich so sehr allein gelassen, dass er nicht anders konnte, als sein Leid laut heraus zu schreien.“

„Er hat sich also als Sohn Gottes von ihm verlassen gefühlt?“

„Wie ich schon sagte: Ja und nein.
Denn was gibt es Schlimmeres, als ohne Schuld am Kreuz hängen zu müssen und den sicheren Tod zu erwarten?
Jesus wusste, dass er sterben würde und auch er stirbt nicht freiwillig. Aber in seiner größten Not wendet er sich Gott zu und nicht ab und betet zu ihm.“

„Das ist also ein Gebet?“

„Ja! Hol uns bitte den zweiten Ausdruck.“
Angie war schon unterwegs.
„Was ist das?“
„Es ist der Psalm 22 aus dem Alten Testament.“
„Altes Testament? Psalm?“
„Zur Zeit Jesu gab es nur die „Schriften des Alten Testaments“. Zu ihnen gehören auch die Psalme. Psalme sind Gebete. 150 Psalme gibt es. Viele sind Lob- und Dankgebete, genauso viele aber sind Klagegebete. Jesus hat den Psalm 22 angefangen zu beten, weil er im Gebet immer Gott am nächsten war.“

Angie las den Psalm durch:

Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?
Warum hörst du nicht, wie ich schreie,
warum bist du so fern?
.......
Sie staunte.
... ich bin kaum noch ein Mensch,
ich bin ein Wurm, von allen verhöhnt und verachtet.
Wer mich sieht, macht sich über mich lustig...

 

 

Sie staunte, wie lang der Psalm war.
....ich zerfließe wie ausgeschüttetes Wasser,
meine Knochen fallen mir auseinander.
Mein Herz zerschmilzt mir wie Wachs....

Sie staunte, wie brutal der Psalm das Leiden Jesu beschrieb.
...sie zerfetzen mir die Hände und Füße.
Alle meine Rippen kann ich zählen;
Sie stehen dabei und gaffen mich an.
Schon losen sie meine Kleider und verteilen sie unter sich....

Und sie staunte über die Wendung, die der Psalm nahm!
....Herr du hast mich erhört!
Ich will meinen Brüdern von dir erzählen,
in der Gemeinde will ich dich preisen....

Das Ende erstaunte sie ganz und gar! Noch ganz beeindruckt von den Versen wendete sich Angie wieder Matthias zu.
„Wenn das wirklich der Psalm ist, den Jesus gebetet hat, dann war er ja doch von der Rettung überzeugt. Sieh mal, das Ende ist ja doch gut:
„...man wird den Kindern vom Herrn erzählen,
noch in der fernsten Zukunft wird man den Nachkommen sagen,
was der Herr getan hat, wie treu er ist““

Angie Blick ruhte auf Matthias.
Matthias schwieg einen Moment. Dann aber antwortete er:
„Deswegen habe ich dir eben auf deine Frage auch mit „Ja und Nein“ geantwortet. Jesus ist ganz „unten“. Ganz bestimmt! Und er fühlt sich auch von Gott verlassen, weil er schrecklich leidet und Schmerzen hat und weil er weiß, dass er sterben wird. Aber er bleibt doch in diesem letzten und schlimmsten Moment seines Leidens davon überzeugt, dass Gott ihn erhört und auffangen wird“.

Angie schwieg immer noch betroffen. Sie erinnerte sich, an das, was Johannes über das Hineinfallen in die „Hände Gottes“ gesagt hatte. Das hatte ihr gefallen.
Aber sie dachte auch an ihre Mutter! Ängstlich fragte sie:

„Und meine Mutter? ... Ist sie auch in die Hände Gottes gefallen?“

Matthias zögerte:
„Ich muss dir leider dasselbe antworten wie Johannes: Ich weiß es nicht. Ich bin nur „Evangelist“. Zwar kann ich dir sagen, was damals geschehen ist, aber ich kann nicht Hellsehen oder in die Zukunft blicken.
Ich weiß nicht, wie es deiner Mutter geht.“

Angie fühlte sich niedergeschlagen, aber sie weinte nicht.
Wo war der „Gewinn“, wenn man an Gott glaubte und „Päckchen“ tragen musste?
Sie fühlte ihr Päckchen als besondere Last.
„Das ist kein Päckchen, dass ich tragen muss“ sagte sie auf einmal laut denkend, „das ist ein Kreuz, das ich tragen muss!“
Sie erschrak selbst über das, was sie gesagt hatte. Matthias aber nahm sie in den Arm und antwortete:
„Ja, vielleicht hast du Recht!“

Auf einmal durchzuckte Angie ein Gedanke wie ein Blitz. Johannes hatte doch gesagt, dass manchmal auch Wunder möglich waren, weil sie zur Wirklichkeit Gottes dazu gehörten. Und sie sollte doch Matthias danach fragen! Also fragte sie ihn:

„Johannes hat gesagt, Wunder geschehen immer wieder. Ich sollte...“
„...mich fragen, ich weiß.“ , unterbrach sie Matthias. „Ich hoffe, er macht dir nicht zu viele Hoffnung damit. Denn Jesus hat gezeigt, dass man sein Kreuz auch annehmen muss. Andererseits hat es viele Wunder gegeben. Damals immer wieder und auch heute immer wieder. Aber es ist nichts, womit man rechnen darf, wie in der Mathematik, oder was man einfordern kann, wie vor Gericht.“

Angie war enttäuscht. Wie ein Strohhalm knickt, so brach jetzt auch die letzte Hoffnung auf ein übernatürliches Eingreifen Gottes weg
„Aber warum hat mir dann Johannes gesagt, ich soll dich fragen?“
„Weil in meinem Evangelium steht, dass jeder Wunder vollbringen kann.“

„Wo?“, fragte sofort Angie, aber da hörte sie auch schon den Drucker rattern. Sie lief hin und kam mit dem Ausdruck zurück.
„Lies vor!“, forderte Matthias Angie auf:

„Wenn ihr nur vertrauen habt, werdet ihr alles bekommen, worum ihr Gott bittet“, las Angie laut vor. Ungläubig fragte sie Matthias:
„So leicht soll das sein?“

„Ich muss leider schon wieder antworten: „Ja und nein“. Welcher Mensch hat schon so ein großes Vertrauen auf Gott?“
Angie dachte nach und ließ resigniert die Achseln hängen:
„Wahrscheinlich nur Jesus, oder?“
„Ein paar mehr sind es schon und ich wünschte, es würden alle sein.“

Angie wusste nicht, ob sie von der Antwort enttäuscht sein sollte. Ihre Gefühle fuhren seit Stunden Achterbahn. Mal oben und dann wieder steil bergab. Eins schien aber sicher: Eine „einfache“ Lösung, mehr noch: ein Wunder durfte sie nicht erwarten.

„Es ist also immer wieder die Frage des Vertrauens auf Gott?“
„Ja. Wer das schafft, ist Gott ganz nah, wer das nicht schafft, ist „Satan“.

Als ob eine Alarmglocke dröhnt, schreckte Angie hoch.
„ Satan? Wie kommst du denn jetzt darauf?“
„Beruhige dich, Angie. Aber das ist die Wortbedeutung des Wortes „Satan“: Es bedeutet im Grunde nicht einen Namen für eine Person, sondern für eine Distanz, also für eine Strecke. Wer weit weg ist von Gott, der ist „Satan“.

„Und wer ganz nah bei Gott ist?“
„Der erlebt seine Nähe, den Himmel, oder wie Jesus es ausgedrückt hat: das Reich Gottes.“

Angie erinnerte sich, dass Matthias schon einmal vom Himmel gesprochen hatte.
„Ist das das „Reich“, von dem Jesus meint, dass wir im „Vater unser“ bitten sollen: „Dein Reich komme“?“
Matthias lächelte:
„Genau so ist es. Mit der Bitte um das Reich Gottes bitten wir um die Nähe Gottes. Und in der Nähe Gottes erleben wir den Himmel. Und im Himmel ist nun wirklich alles gut!“

Angie stand auf und ging zum Fenster, wo mittlerweile wieder die Sonne am Himmel ihren Platz eingenommen hatte und sanft herüber schien. Es waren noch Wolken am Himmel, aber es würde ein schöner Tag werden.

Angie faltete auf einmal ihre Hände. Dann betete sie das „Vater unser“. Eine Träne rollte ihr über die Wange. Als sie sich wieder zu Matthias umdrehte, hatte er ein Taschentuch in der Hand. Jetzt erst bemerkte sie selbst die Träne. Doch bevor sie die Träne mit dem Ärmel wegwischen konnte, hatte Matthias sie mit dem Tuch aufgetupft.
„Darf ich sie behalten?“

Angie sah Matthias irritiert an. Sie wollte es ihm wegreißen... aber dann drückte sie es in seine Hand zurück.
„Du musst jetzt gehen, nicht wahr?“
„Ja, es ist soweit. Gleich kommt deine Oma, um dich zu wecken und auch dein Vater wird bald hier sein.“

„Werde ich dich wiedersehen?“

Matthias schwieg, aber auf seinem Mund tanzte ein leises Lächeln. Er wollte gerade antworten, da fiel ihm Angie schon lachend ins Wort:
„Du willst mir antworten, was Johannes geantwortet hat, stimmt es?“

Schon wieder antwortete Matthias mit: „Ja und nein.“
Dabei lachte er Angie fröhlich an, „es liegt an dir.“
Angie schaute ihn fragend an.

„Mein Auftrag war es, dir zu sagen, dass du ein Engel bist. Ich habe dir die Nachricht gebracht und du hast die Nachricht verstanden. Aber ich habe noch mehr Nachrichten, ich bin schließlich Evangelist.“

Matthias stand Angie gegenüber und legte ihr die Hand auf die Schulter.

„Wenn du Fragen hast, werde ich da sein. Es ist wie bei unserem ersten Zusammentreffen bei der alten Mamsell. Erinnerst du dich: Du musst es entscheiden, dann werde ich dir helfen, denn das ist mein Auftrag als Bote...“

„Ich bin also dein „Päckchen“?“, unterbrach ihn Angie grinsend.
Matthias lachte:
„Und was für eins!“

Beide fingen wieder ganz kräftig an zu lachen. Sie fielen sich in die Arme und drückten sich. Angie wünschte, dass es niemals aufhören sollte. Aber Matthias löste sich sanft aus ihren Armen. Er hielt ihre Hände in seinen und verabschiedete sich:
„Ich muss jetzt wirklich!“

Er steckte das Taschentuch unbeholfen in seine Jackentasche und ging zum Fenster.
„Hier entlang ist es sicherer. Ich will nicht deiner Oma begegnen...“
Einem Sportklassenschüler würdig, sprang er leichtfüßig mit einer Flanke durch das offene Fenster. Angie bekam einen Riesenschrecken. Sie stürzte zur Fensterbank. Erleichtert sah sie, dass Matthias unten sein Fahrrad aufschloss. Sie lachte. Er hielt wieder die Hände so, wie bei ihrem ersten Treffen im Fahrradkeller... dann stieg er auf und radelte die Einfahrt hinunter zum Tor. Er hielt noch einmal an und winkte, dann fuhr Matthias nach rechts in Richtung See.

Angie stand noch lange am Fenster und sah ihm nach. Auch als er schon längst nicht mehr zu sehen war.

Um die Ecke bog ein knatterndes Auto.

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